Wenn dir das hier gefiel …
Herr Lehmann
Key Facts
Kritik
Manchmal stolpert man über ein Buch, das wie ein guter Freund erzählt – unverstellt, ehrlich und mit genau dem richtigen Maß Ironie. So geht es mir mit „Herr Lehmann“ von Sven Regener. Wir begleiten Herrn Lehmann, einen gutmütigen Kauz Anfang dreißig, der in Kreuzberg an der Schwelle zu den turbulenten Zeiten von 1989 sein eher gemütliches, fast schön chaotisches Leben zwischen Kneipen, Morgenkatern und kuriosen Begegnungen versucht zu meistern. Klingt simpel? Ist es aber nicht. Denn während er sich vor Verantwortung drückt, ferngesteuert durch seine kleine Welt, peitschen außen politische Veränderungen auf Berlin ein – und rütteln auch an ihm.
Herr Lehmann selbst ist der perfekte Antiheld, der mit einem verschmitzten Humor durch eine Welt schlendert, die kurz davor steht, komplett durchgerüttelt zu werden. Man fühlt sich sofort heimisch in seinen Gedanken, seinen Zweifeln und der manchmal lähmenden Bequemlichkeit, mit der er Entscheidungen aufschiebt. Regener trifft mit seinem schnoddrigen, präzisen Erzählstil genau den Puls der Zeit und macht Kapiteleinstiege zu pointierten Miniaturen von Alltag und mit einem Seitenhieb auf die damaligen Befindlichkeiten. Die Dialoge sind so natürlich, dass man meint, sie direkt zwischen echten Berliner Straßenlaternen zu hören – ein Highlight, das das Buch über die bloße Story hinaus lebendig macht.
Klar, wer auf rasante Handlungsbeschleunigung oder dramatische Spannungsbögen hofft, könnte sich an der entspannten Erzählweise stoßen. Das Buch lebt vom Charme seiner Figuren und dem Ambiente, nicht von Thriller-Tempo. Aber genau das macht das Ganze so sympathisch und zeitlos – ein bissl wie das Leben selbst, das nun mal nicht immer in Höchstgeschwindigkeit unterwegs ist.
Kurz und bündig: Wer Lust auf eine wunderbar augenzwinkernde, melancholisch-herzliche Zeitreise in ein besonderes Berlin hat und sich mit einem Helden identifizieren kann, der eher stolpert und sich dann wieder aufrappelt, der ist hier goldrichtig. „Herr Lehmann“ ist ein kleines literarisches Juwel mit viel Witz, Herz und Authentizität.
5 von 5 Sternen – ein Buch, das man nicht eher aus der Hand legt, als bis man ein wenig mehr versteht von sich selbst und der Welt um einen herum.
Klappentext
»Es gab wohl keinen besseren Romanhelden als Herrn Lehmann, um das Desinteresse des Westens an den Veränderungen in Berlin einzufangen - und unterhaltsam zu erzählen.«
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung