Wenn dir das hier gefiel …
Broder
Key Facts
Kritik
Manchmal trägt ein Buch genau die Geschichte in sich, die man gerade braucht – bei „Broder“ ist das definitiv der Fall. Dörte Hansen nimmt uns mit auf einen Ausflug in die norddeutsche Landwirtschaft, die nicht nur vom Auf und Ab der Familienbande handelt, sondern auch von einer ganz grundlegenden Frage: Wie gehen wir mit der Natur um, die uns am Leben hält?
Im Zentrum steht Broder Bahnsen, der eigentlich seinen Platz auf dem elterlichen Hof wollte, aber vom älteren Zwillingsbruder Henning verdrängt wird. Während Henning eine moderne Milchfarm betreibt, die alles andere als sanft mit den Tieren umgeht, sucht Broder seinen eigenen Weg als Tierarzt, der Mensch und Tier gleichermaßen ernst nimmt. Die Geschichte entfaltet sich ruhig, aber mit einer spürbaren inneren Spannung – man spürt förmlich den Konflikt zwischen Tradition und Fortschritt in jeder Zeile. Die Figuren sind wunderbar vielschichtig: Broder hat diese Mischung aus Trotz und Verletzlichkeit, die sofort beim Lesen berührt, während Henning eher das Symbol für den Fortschrittswahn ist, der am Ende vielleicht mehr kostet, als er einbringt.
Dörte Hansens Erzählstil ist klar und glaubwürdig, ohne dabei ins Romantisieren zu verfallen. Ihre Sprache trifft genau den Ton, der für diese Geschichte passt: unaufgeregt, direkt, aber voller Liebe zum Detail. Besonders gefallen hat mir, wie sie die Atmosphäre auf dem Land einfängt und gleichzeitig große Fragen stellt, ohne moralisch zu wirken. Ja, das Thema Tierhaltung und unsere Verantwortung für die Umwelt sind präsent – aber nie dröge oder belehrend, sondern eingebettet in eine spannende Familiensaga.
Kritisch gesehen, hätte die Erzählung an manchen Stellen etwas mehr Tempo vertragen können, vor allem im Mittelteil zieht sich die Geschichte ein wenig. Auch hätte der Konflikt um die Milchfarm hier und da noch ein bisschen mehr Tiefgang vertragen. Aber das tut dem Gesamtbild nur wenig Abbruch.
Wer sich für Geschichten interessiert, in denen Familienbeziehungen, Erbe und die große Frage nach dem richtigen Umgang mit unserer Welt miteinander verschmelzen, der ist bei „Broder“ goldrichtig. Ein warmherziger Roman, der zum Nachdenken anregt und dennoch wunderbar leicht zu lesen ist.
4 von 5 Sternen – ein Buch, das man nicht einfach so weglegt, weil es spürbar mehr erzählt als nur Landwirtschaft und Familienzwist.
Klappentext
Der neue große Roman von Dörte Hansen
"Es zählt nur einer auf dem Hof, das ist der Sohn, der bleibt. Aber die anderen, die übrig sind, die zweiten, dritten, vierten Söhne und die Töchter, die nicht zählen, bleiben Teil der Herde, ob sie wollen oder nicht. Weil sie mit großen Tieren aufgewachsen sind, ihr Atmen und ihr Brüllen kennen, und den Geruch von Milch und Mist noch an sich haben. Weil sie im Glauben an die alte, ungerechte Ordnung großgeworden sind: Vater, Sohn und heiliger Hof, schon immer so gewesen."
Broder Bahnsen wollte nie etwas anderes als Bauer werden, Nachfolger seines Vaters, der ihm den "Kuhverstand" vererbt hat, das Gespür für Tiere. Aber den Hof bekommt sein Zwillingsbruder Henning, nur wenige Minuten älter, immer schon selbstbewusster und mehr an Maschinen interessiert.
Vom Hof vertrieben, baut Broder Bahnsen sich ein Gegenleben auf, wird Tierarzt und hält Abstand zum Betrieb, bis er nach über zwanzig Jahren wiederkommt und eine Praxis in der Nähe der Familie übernimmt. Ab da kümmert er sich auch um die Herde seines Bruders, der den elterlichen Hof zu einem hochmodernen Vorzeigebetrieb gemacht hat, mit Kühen, die auf maximale Milchleistung gezüchtet wurden.
Doch der Erfolg hat seinen Preis. Broder ist der erste, der bemerkt, dass Henning langsam die Kontrolle über seinen Hof verliert. Und muss sich plötzlich fragen, ob er darauf nicht all die Jahre nur gewartet hat. Ist das die Gelegenheit, endlich den Platz seines Bruders einzunehmen? Oder hegt er genau wie seine Tochter Claire schon längst Zweifel an dieser Art der Tierhaltung?
Dörte Hansen schreibt mit großer Klarsicht über eine Welt, in der unser Wachstumsglaube an seine Grenzen stößt und sich die Frage nach der Verantwortung gegenüber der Schöpfung immer dringender stellt.