Wenn dir das hier gefiel …
Mittagsstunde
Key Facts
Kritik
Manchmal schlägt ein Buch genau die Töne an, die man gar nicht erwartet hat – bei „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen war das definitiv so. Schon nach den ersten Seiten spürt man die schwere Luft über der Geest, das langsame Vergehen einer Zeit, die scheinbar unaufhaltsam ist. Ingwer Feddersens Rückkehr ins Heimatdorf ist mehr als nur eine Reise nach Hause: Es ist ein Aufeinandertreffen mit der Vergangenheit, mit Menschen und Erinnerungen, die längst geglaubt waren, verlaufen zu sein.
Die Handlung ist kein actiongeladenes Abenteuer, sondern ein stilles Porträt vom Verschwinden einer bäuerlichen Welt – wunderbar authentisch und mit viel Herz erzählt. Hansen hat ein feines Gespür dafür, wie die großen gesellschaftlichen Veränderungen einen kleinen Ort tief verändern können – von den Hecken, die verschwinden, bis zum Verlust der vertrauten Vögel im Dorf. Ingwer, der zwischen Schuldgefühlen und Hoffnung schwankt, wirkt dabei so ehrlich und verletzlich, dass man ihm gern durch jeden Schritt folgt. Auch die Figuren um ihn herum, besonders die resolute Großmutter Ella und der alte Wirt Sönke, sind so lebendig gezeichnet, dass sie fast schon selbst Teil der Familie scheinen.
Besonders hat mir der lockere, fast beiläufige Erzählstil gefallen, der gleichzeitig poetisch und bodenständig ist. Kein Kitsch, aber auch keine staubige Nostalgie – genau richtig, um sich in die Zeit und die Landschaft einzuleben, ohne dass es schwerfällig wird. Allerdings hätte ich mir an einigen Stellen etwas mehr Tempo gewünscht, manche Passagen ziehen sich doch ein bisschen, was die Story nicht unbedingt braucht. Aber hey, das gehört wohl auch zum ruhigen Stil dieser Geschichte.
Wer auf der Suche nach einem Buch ist, das nicht drängelt, sondern mit liebevollem Blick auf das Vergehen und Bleiben in der Heimat schaut, der ist hier richtig. „Mittagsstunde“ ist ein warmherziger, ein bisschen melancholischer Roman, der zum Nachdenken einlädt und ganz nebenbei auch vom Wachsen und Loslassen erzählt. Ich vergebe 4 Sterne – ein echtes Leseglück, das nicht jeder Tag bereithält.
Klappentext
Die Wolken hängen schwer über der Geest, als Ingwer Feddersen, 47, in sein Heimatdorf zurückkehrt. Er hat hier noch etwas gutzumachen. Großmutter Ella ist dabei, ihren Verstand zu verlieren, Großvater Sönke hält in seinem alten Dorfkrug stur die Stellung. Er hat die besten Zeiten hinter sich, genau wie das ganze Dorf. Wann hat dieser Niedergang begonnen? In den 1970ern, als nach der Flurbereinigung erst die Hecken und dann die Vögel verschwanden? Als die großen Höfe wuchsen und die kleinen starben? Als Ingwer zum Studium nach Kiel ging und den Alten mit dem Gasthof sitzen ließ? Mit großer Wärme erzählt Dörte Hansen vom Verschwinden einer bäuerlichen Welt, von Verlust, Abschied und von einem Neubeginn.