Wenn dir das hier gefiel …
Die Dame mit der bemalten Hand
Key Facts
Kritik
Manchmal entdeckt man Bücher, die ganz leise starten und einem dann plötzlich mitten ins Herz treffen – genau so geht es mit „Die Dame mit der bemalten Hand“. Christine Wunnicke entführt uns ins Jahr 1764 nach Bombay, auf eine Insel, die so ungeplant im Reiseplan auftaucht, dass man fast glaubt, der Autorin sei da ein wunderbarer Zufall passiert. Carsten Niebuhr, ein norddeutscher Forscher, steckt fest, obwohl er eigentlich ganz woanders hinwollte, und an seiner Seite ist Meister Musa, ein persischer Uhrmacher und Astronom, der ebenfalls nicht da sein wollte, wo er jetzt ist – und trotzdem entsteht zwischen den beiden eine bezaubernde, fast surreal anmutende Begegnung.
Die Handlung dreht sich nicht um dramatische Abenteuer oder ausufernde Intrigen, sondern um diese magische Zwischenzeit des Wartens, des Austauschens und des Fabulierens. Wunnicke schafft es, eine Atmosphäre zu generieren, in der sich Ost und West auf eine ganz neue Art begegnen – mal komisch, mal nachdenklich, aber immer lebendig. Die beiden Hauptfiguren sind dabei nicht nur historische Köpfe, sondern beinahe greifbare Persönlichkeiten, deren kleine Eigenheiten und Gedanken mich oft zum Schmunzeln gebracht haben. Besonders gefallen hat mir, wie die Autorin diese Begegnung als eine Art Tanz zwischen Kulturen und Zeiten inszeniert, der so charmant schräg und poetisch ist, dass man zugerne noch ein bisschen länger auf der Insel bleiben würde.
Der Schreibstil ist elegant, dabei aber keineswegs schwerfällig. Christine Wunnicke schreibt so, dass man bei jedem Satz spürt, wie viel Herzblut und Recherche darin stecken – mit einer Leichtigkeit, die das Buch auch für Leser:innen zugänglich macht, die sonst vielleicht weniger für historische Stoffe übrig haben. Einziger kleiner Kritikpunkt: Manchmal hätte ich mir einen höheren Erzähl-Rhythmus gewünscht, vor allem gegen Ende hätte die Spannung für mich etwas mehr zunehmen dürfen. Doch das schmälert den Spaß kaum.
Wer Lust hat auf eine ungewöhnliche, kluge und leicht versponnene Geschichte über Begegnungen, Missverständnisse und Sternbilder, ist hier genau richtig. Kein klassischer Roman, sondern ein kleines Juwel für alle, die sich gerne auf das Abenteuer Sprache und Philosophie einlassen. Für mich ein gelungenes Experiment mit viel Charme und Tiefe.
4 von 5 Sternen – ein Buch, das man nicht einfach mal schnell wegliest, sondern das zum Nachdenken und Genießen einlädt.
Klappentext
"Wunnicke ist eine große, unterschätzte Romanautorin."
Sigrid Löffler, Deutschlandfunk Kultur