Wenn dir das hier gefiel …
Memories of Heidelberg
Key Facts
Kritik
Manchmal packt einen ein Buch genau dann, wenn man es am wenigsten erwartet – so erging es mir mit „Memories of Heidelberg“ von Heinz Strunk. Da sitzt man also mit einem leisen Gefühl von Ferienlaune, auf der Suche nach einer kurzweiligen Geschichte, und plötzlich entpuppt sich der vermeintliche Kurzurlaub einer altgedienten Ehe als bitterböse, schräg-komische Odyssee.
Bertram und Isolde aus Oldenburg könnten glatt deine Nachbarn sein – oder ein Spiegelbild eigener Beziehungsalltagskrisen. Ein Versuch, dem grauen Eheleben für eine Woche zu entfliehen, endet nicht ganz so idyllisch wie erhofft. Das Boutiquehotel ist eine Enttäuschung, der neu entdeckte Italiener auf dem alten Flussschiff im Neckar dagegen hat Charme – zumindest anfangs. Doch mit zunehmender Dauer verwandelt sich das vermeintliche Urlaubsparadies zunehmend in eine kleine Folterkammer, in der sich Streit, Ernüchterung und eine ordentliche Portion Selbstironie breitmachen.
Heinz Strunks Schreibstil ist genau das, was dem Ganzen den besonderen Kick verleiht: schnörkellos, treffend, manchmal fast schmerzhaft ehrlich, und trotzdem lädt die Sprache immer wieder zum Schmunzeln ein. Man liest sich durch die Kapitel und hat ständig diesen Mix aus Fremdscham und Mitgefühl im Bauch. Bertram und Isolde sind keine Helden – sie sind einfach sehr menschlich, mit all ihren Macken und Niederlagen. Das macht sie sympathisch und nachvollziehbar.
Was mir besonders gefallen hat: Strunk schafft es, mit einer stimmigen Melancholie und einem guten Schuss schwarzem Humor die kleinen und großen Katastrophen einer Ehe in der Krise zu zeigen, ohne ins Kitschige oder Überdramatische abzudriften. Zwischendrin kommt schon mal das Gefühl hoch: Mist, kennen wir das nicht alle aus eigener Erfahrung? Doch genau das macht es so lesenswert.
Kritisch wäre zu sagen, dass die Handlung stellenweise etwas vorhersehbar bleibt und sich die Dynamik gegen Ende ein wenig abnutzt. Auch der dauernde „Memories of Heidelberg“-Schlager im Kopf kann auf Dauer ein bisschen nerven – aber das ist ja wohl so gewollt und rundet die Atmosphäre ab.
Fazit: Wer Lust auf einen Urlaub aus der Hölle hat, gern über die Tücken menschlicher Beziehungen schmunzelt und dabei eine Geschichte sucht, die nicht nur unterhält, sondern auch ein bisschen weh tut, ist bei „Memories of Heidelberg“ genau richtig. Ein gelungener Mix aus bitter und komisch, der einen noch lange nachklingen lässt.
4 von 5 Sternen – weil Heinz Strunk mal wieder gekonnt ins Schwarze trifft.
Klappentext
Bertram und Isolde, ein in die Jahre gekommenes Paar aus Oldenburg, möchten sich in Heidelberg mal einen richtig schönen Kurzurlaub gönnen. Vielleicht vertreibt das ja auch den seelischen Smog über dem Eheleben. Das Boutiquehotel ist für das viele Geld gar nicht so toll; dafür haben die beiden gleich einen neuen Stamm-Italiener ausgemacht. Das Restaurant voller Flair befindet sich auf einem alten Flussschiff im Neckar.
Während die Ehe der beiden im Verlauf einer Woche zusehends aus der Form gerät, wird auch der abendliche Gang auf das Restaurantschiff immer mehr zur Enttäuschung, zur Strafe, zur Höllenqual. Das Teuflische bricht mit verheerender Macht in den Alltag, am Ende steht eine Katastrophe – und das alles zum Schlager-Oldie Memories of Heidelberg in Dauerschleife.