Wenn dir das hier gefiel …
All die ungelebten Leben
Key Facts
Kritik
Manchmal packt einen ein Buch einfach sofort, ganz ohne großes Tamtam, und „All die ungelebten Leben“ von Michaela Abresch gehört definitiv dazu. Schon in den ersten Kapiteln spürt man diese schwere, aber auch zarte Atmosphäre, die von einer Familie ausgeht, die sich nichts sehnlicher wünscht, als ungelöste Konflikte und alte Wunden endlich anzugehen. Es geht um Janes schwere Krankheit, die sie zurück in die Heimat auf die dänische Insel Rømø zwingt. Dort treffen sich die drei Schwestern nach zwei Dekaden Funkstille wieder – jede mit ihrem eigenen Koffer voller Schmerz, Schuld und unerwarteter Gefühle.
Abresch schafft es mühelos, die Figuren so nahbar und echt wirken zu lassen, dass man beinahe das Gefühl hat, in einer stillen Ecke mitzuhören, wenn die Frauen im Wohnzimmer schweigend um die knisternden Wunden ihrer Vergangenheit kreisen. Selma, die alles Alte meidet, Mascha, von Schuldgefühlen zerrissen, und Jane, deren bedrückende Angst vor dem Vergessenwerden sie antreibt – jede Schwester ist ein eigenes Universum, das sich Stück für Stück öffnet. Der Schreibstil fließt leicht, ohne oberflächlich zu sein, was das Lesen zu einem angenehm introspektiven Erlebnis macht.
Was ich besonders geschätzt habe: Wie Abresch es schafft, schwierige Themen – Krankheit, familiäre Tabus, Schuldgefühle – mit einer ungewohnten Leichtigkeit und Ehrlichkeit zu erzählen, ohne dabei in Kitsch abzurutschen. Allerdings hätte der finale Teil des Buches für meinen Geschmack etwas knackiger sein dürfen; manchmal zieht sich die Geschichte ein kleines bisschen, und Spannung hätte hier nicht geschadet. Auch die Perspektivwechsel sind nett, könnten aber hier und da klarer voneinander getrennt sein.
Wer in Geschichten eintauchen möchte, die von familiären Verstrickungen erzählen, ohne zu verkopft zu wirken, ist hier genau richtig. Dieses Buch spricht jene an, die das Unausgesprochene, das Verdrängte in Familiengeschichten verstehen, aber auch lieben, wenn es so authentisch und ehrlich erzählt wird.
Fazit: Ein tief berührendes, ruhiges Drama über Liebe, Verlust und das, was bleibt, wenn man sich endlich traut, die Wahrheit auszusprechen – auf jeden Fall lesenswert für Freund:innen emotionaler Familiengeschichten. Ich gebe solide 4 von 5 Sternen.
Klappentext
Janes Krankheit zwingt sie dazu, ihre Arbeit für ein humanitäres Hilfsprojekt im Südsudan zu beenden. Die Angst davor, nach ihrem Tod in Vergessenheit zu geraten, weckt in ihr den Wunsch, nach zwanzig Jahren des Schweigens Kontakt zu ihren beiden Schwestern aufzunehmen. Sie lädt sie nach Rømø ein, auf die dänische Insel, wo sie als Kinder unbeschwerte Ferien verbrachten. Notdürftig knüpfen die Schwestern das einst zerrissene Band zusammen, um Antworten auf Fragen zu finden, die in der Familie nie gestellt werden durften. Die eigenwillige Selma vermeidet alles, was alte Wunden aufreißen könnte. Mascha sieht sich unvorbereitet mit einer Schuld konfrontiert, die sie zutiefst erschüttert. Und Janes Zustand verschlechtert sich Tag für Tag.
Michaela Abresch erzählt die berührende Geschichte einer Familie, die geübt darin ist, den Mantel des Schweigens über störende Risse im Familiengefüge zu breiten – ohne zu merken, dass die verschwiegenen Wahrheiten sie alle an einem erfüllten Leben hindern.