Wenn dir das hier gefiel …
Vielleicht hat das Leben Besseres vor
Key Facts
Kritik
Manchmal braucht es nur einen kleinen Ort voller Menschen, die miteinander ringen – um Lieben, Verlieren, Hoffen –, damit eine Geschichte ganz groß wird. Genau das gelingt Anne Gesthuysen in „Vielleicht hat das Leben Besseres vor“ mit einer beeindruckenden Leichtigkeit, die einen sofort ins Herz trifft.
Im Mittelpunkt steht Anna von Betteray, eine junge Pastorin am Niederrhein, die mitten im bunten Treiben des Spargelfests plötzlich mit einem schockierenden Ereignis konfrontiert wird: Raffaela, ein Mädchen aus der Gemeinde, liegt seit einem mysteriösen Unfall im Koma. Wie bei einem gut gesponnenen Dorfkrimi zieht sich das dunkle Geheimnis durch die Seiten – und doch wollte Gesthuysen mehr erzählen. Sie zeigt uns halb versteckte Familiengeschichten, zerbrechliche Bündnisse und das überraschende Aufblühen von Hoffnung, wenn alles aus den Fugen gerät.
Anna wirkt auf den ersten Blick stark und resolut, doch je mehr man sie begleitet, desto mehr zeigt sich ihr Innerstes – mit all den Zweifeln, Verletzungen und einer gehörigen Portion Humor. Die Dorfgemeinschaft wird so lebendig, als säße man selbst mit im Gemeindehaus bei schwülen Treffen und hitzigen Diskussionen um Songtexte und Zusammenhalt. Der Stil ist locker-flockig, aber niemals flach; die Autorin trifft genau den Ton zwischen Ernsthaftigkeit und einem warmen Augenzwinkern.
Was mir besonders gefiel? Die vielen kleinen Details, die das Leben in so einem Ort ausmachen, und die äußerst fein gezeichneten Figuren, die nicht nur Klischees bedienen, sondern echte Menschen mit Ecken und Kanten sind. Klar, manchmal hätte ich mir gewünscht, die Spannungsbögen etwas straffer, die Erzählung insgesamt kürzer – das Dorfleben kann sich mitunter ganz schön Zeit lassen. Aber genau diese Langsamkeit gibt dem Buch auch Charakter, der sich in unsere Erinnerung schleicht.
Wer also Lust auf eine Geschichte hat, die mehr fühlt als nur erzählt, die sich um das Miteinander dreht und dabei genau die richtigen Fragen stellt: „Vielleicht hat das Leben Besseres vor“ ist eine warme Einladung, die man nur schwer ausschlagen will. Für alle, die starke Frauenfiguren, familiäre Dynamiken und kleine, große Geheimnisse lieben, ist das Buch eine echte Entdeckung.
4,5 von 5 Sternen – weil es mich berührt hat, ohne laut zu sein, und weil es zeigt: Manchmal steckt in einem Dorf mehr Leben, als man denkt.
Klappentext
In der kleinen Gemeinde Alpen am Niederrhein laufen die Vorbereitungen für das jährliche Spargelfest auf Hochtouren. Während die Zelte aufgebaut werden und der Chor rund um Ottilie Oymann über »diskriminierungssensible Sprache« in alten Liedtexten streitet, hat die Pastorin Anna von Betteray ganz andere Sorgen. Raffaela, ein Mädchen, das seit einem Unfall geistig behindert ist, liegt im Koma. Sie wurde bewusstlos aufgefunden, niemand weiß, was passiert ist. Umso mehr brodelt die Gerüchteküche. Wurde das Mädchen Opfer einer Gewalttat? Stecken Drogendealer oder Spargelstecher dahinter?
Die Polizei folgt den spärlichen Spuren, das Dorf ermittelt eifrig mit. Auch ihre eigene Familie bereitet Anna Kummer: Ihre Schwester Maria kämpft mit ihrer Sucht und Ängsten, ihr Neffe Sascha sucht nach Halt, und ihre Mutter versucht ständig, sie zu verkuppeln. Als unvorhergesehene Ereignisse die Familien zusammenbringen, zeigt sich: Hoffnung kann blühen, wenn man es am wenigsten erwartet.
Voll psychologischem Feingefühl und mit hinreißendem Witz erzählt Anne Gesthuysen von Schuldgefühlen und Mutterliebe, der Kraft einer Gemeinschaft und einem Leben, das endlich gelebt werden will.