Todesengel
Key Facts
Kritik
Schon auf den ersten Seiten zieht einen Andreas Eschbach mitten hinein — in eine Nacht, die falsch genug scheint, um alles zu verändern. Man spürt sofort das Kribbeln der Ungerechtigkeit und diese resignierte Frage: Wer hat das Recht, über Leben und Tod zu entscheiden?
Kurz und knapp: Erich Sassbeck gerät in eine brutale Schlägerei und bleibt als einziger lebend zurück, während seine Angreifer tot aufgefunden werden. Die Polizei vermutet Selbstjustiz, Sassbeck meint, ein Wunder habe ihn gerettet. Der Journalist Ingo Praise stößt auf Hinweise, dass tatsächlich ein Unbekannter durch die Stadt streift und vermeintlich Unschuldige beschützt. Praise macht den so genannten „Todesengel“ publik — und entfacht eine Lawine, die mehr zerstört, als sie rettet. Mehr muss man nicht wissen, um die moralischen Fragen und die eskalierenden Konsequenzen zu erleben.
Die Figurenzeichnung ist Eschbach-typisch: klar, präzise und mit einem Auge für kleine, glaubwürdige Details. Sassbeck ist kein Held aus Seifenoper — er ist ein verletzlicher, verunsicherter Mensch, dem man durchaus glaubt, dass er sich nach einem Wunder sehnt. Ingo Praise funktioniert als Gegenpol: neugierig, karrierebewusst, aber nicht unsympathisch. Besonders gelungen: wie Eschbach die Verantwortung von Medien und Öffentlichkeit reflektiert — das ist aktuell, unbequem und trifft genau den Nerv unserer Zeit.
Stilistisch bleibt Eschbach auf gewohnt souveränem Terrain. Die Sprache ist knapp, zugänglich, oft schnörkellos; Dialoge funktionieren. Ich mochte, wie er die Spannung nicht nur durch Actionszenen, sondern durch moralische Dilemmata und zwischenmenschliche Verwerfungen erzeugt. Kleine, spontane Reaktion beim Lesen: Man blättert schneller, weil man wissen will, wie sich das moralische Kipp-Punkt entwickelt — und bleibt trotzdem bei der Figur.
Kritikpunkte? Ja, ein paar. Das Tempo schwankt; manche Passagen ziehen sich und wirken etwas langatmig, was Leser:innen, die rasante Thrill-Pace erwarten, stößt — das sieht man auch in den Nutzerbewertungen. Außerdem bleibt an manchen Stellen die Motivation bestimmter Figuren etwas schemenhaft, sodass nicht jede Wendung völlig zwingend wirkt. Und: Wer Eschbachs beste Werke kennt, könnte hier weniger Überraschendes finden.
Bonus: Das E-Book enthält ein kurzes Interview mit dem Kriminologen Prof. Dr. Christian Pfeiffer, das die kriminalpolitischen Fragen des Romans sinnvoll ergänzt. Das ist ein netter, informativer Zusatz, der dem Roman mehr Tiefe verleiht.
Kurz gesagt: „Todesengel“ ist ein aktueller, nachdenklicher Thriller über Moral, Medienmacht und Selbstjustiz — eher ein psychologischer Gesellschaftsthriller als ein atemloser Actionroman. Für Leser:innen, die komplexe Fragen und Figuren über Tempo stellen, ist das Buch definitiv einen Blick wert; wer pures Tempo sucht, könnte sich enttäuscht zeigen.
Fazit: Solide, gesellschaftlich relevante Unterhaltung mit Schwächen im Tempo — empfehlenswert für Fans von Esch