Wenn dir das hier gefiel …
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Key Facts
Kritik
Manchmal liest man ein Buch und fühlt sich sofort mittendrin – so ging es mir mit Joachim Meyerhoffs drittem Teil seiner grandiosen Serie Alle Toten fliegen hoch. Dieses Mal begleitet man den jungen Schauspielschüler Joachim, der nach einer bewegten Kindheit bei seinen Großeltern in München einzieht. Bereits der Einstieg lässt erahnen: Hier erwartet uns kein gewöhnlicher Roman, sondern ein vielschichtiges, humorvolles und tiefgründiges Porträt des Lebens zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
Im Mittelpunkt steht Joachim selbst, ein junger Mann, der beim Schauspielunterrichten regelrecht in seine Einzelteile zerschlagen wird, um sich dann am Abend bei seinen exzentrischen Großeltern – einer früheren Schauspiel-Diva und einem emeritierten Philosophen – im Ambiente einer noble, aber auch verrückten Villa wiederzufinden. Dieses Wechselbad zwischen intensivem Innenleben, verstörender Selbsterkenntnis und manchmal schrill komischen Familienritualen macht den besonderen Reiz des Buchs aus.
Was mich wirklich begeistert hat, ist Meyerhoffs Erzählkunst: locker, zackig, dabei aber überraschend tiefgründig, ohne dabei altklug oder belehrend zu wirken. Man fühlt sich wie bei einem guten Freund, der einem Situationen schildert, in denen man selbst gern mal steckt – fragil, witzig-getrieben und mit einem wachen Blick für die feinen Risse des Lebens. Seine Fähigkeit, Komik und Tragik so elegant zu verbinden, ist einfach meisterhaft.
Kritisch betrachtet könnte man sagen, dass zwischendurch die vielen kleinen Beobachtungen und familiären Schlaglichter etwas sprunghaft wirken. Manchmal wünscht man sich, dass die Handlung noch einen Tick mehr Fokus hätte – aber ehrlich gesagt, passt das auch zum Thema: Die Suche nach der eigenen Mitte ist eben selten klar strukturiert.
Fazit: Wer Lust auf ein Buch hat, das mit viel Herz, Humor und feiner Melancholie das Chaos des Erwachsenwerdens und familiäre Zwischentöne feiert, ist hier absolut richtig. Joachim Meyerhoff zeigt einmal mehr, wie großartig autobiografische Geschichten erzählt werden können. Ein echtes Lesevergnügen, das mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt hat.
Bewertung: 5 von 5 Sternen
Unbedingt lesen – wenn Sie Lust auf scharf beobachtete Lebensgeschichten mit Tiefgang und Augenzwinkern haben!
Klappentext
Die Kindheit auf dem Gelände einer riesigen Psychiatrie und das Austauschjahr in Amerika liegen hinter ihm, die Schulzeit hat er überstanden, als vor dem Antritt des Zivildienstes das Unerwartete geschieht: Joachim wird auf der Schauspielschule in München angenommen und zieht zu seinen Großeltern in die großbürgerliche Villa in Nymphenburg.
Er wird zum Wanderer zwischen den Welten. Seine Großmutter war selbst Schauspielerin und ist eine schillernde Diva, sein Großvater ist emeritierter Philosophieprofessor, eine strenge und ehrwürdige Erscheinung. Ihre Tage sind durch abenteuerliche Rituale strukturiert, bei denen Alkohol eine wesentliche Rolle spielt. Tagsüber wird Joachim an der Schauspielschule systematisch in seine Einzelteile zerlegt, abends ertränkt er seine Verwirrung auf dem opulenten Sofa in Rotwein und anderen Getränken.
Aus dem Kontrast zwischen großelterlichem Irrsinn und ausbildungsbedingtem Ich-Zerfall entstehen die den Erzähler völlig überfordernden Ereignisse – und gleichzeitig entgeht ihm nicht, dass auch die Großeltern gegen eine große Leere ankämpfen, während er auf der Bühne sein Innerstes nach außen kehren soll und dabei oft grandios versagt.
Joachim Meyerhoff hat seine Kunst, Komik und Tragik miteinander zu verbinden, noch verfeinert. Sein Held nimmt sich und seine Umwelt immer genauer wahr und erkennt überall Risse, Sprünge, Lücken. Ein fulminantes Lesevergnügen!