Schönwald (Ungekürzt)
Kritik
Manchmal kommt ein Buch daher, das einem beim Lesen das Gefühl gibt, man sitzt fast selbst am Familientisch – mit all dem unausgesprochenen Ballast und den kleinen, zerbrechlichen Momenten. „Schönwald (Ungekürzt)“ von Philipp Oehmke ist so ein Roman: eine behutsame, aber intensive Erkundung zweier Generationen, die durch ein tief verwurzeltes Trauma verbunden sind, und einer Familie, in der Liebe und Verschwiegenheit oft eng beieinanderliegen.
Im Zentrum stehen Ruth und Harry Schönwald – zwei Menschen mit unterschiedlichen Einstellungen zum Leben und der Kommunikation ihrer Gefühle. Während Harry sich Schwierigkeiten ausredet, ist Ruth viel mehr die stille Kämpferin, die aus Rücksicht und Pflichtbewusstsein ihren eigenen Weg hinten anstellt. Diese Dynamik bekommt besonders dann Tiefe, wenn sich ihre erwachsenen Kinder um einen queeren Buchladen in Berlin versammeln, was den alten Konflikt aufbricht und zeigt, wie sehr alte Wunden nachhallen können.
Oehmkes Schreibe ist angenehm klar und dabei doch emotional aufgeladen. Kein poetisches Beiwerk, sondern Geschichten und Charaktere, die man fast greifen kann. Besonders gefallen hat mir, wie authentisch die Figuren wirken – mit all ihren Widersprüchen und Verletzlichkeiten. Die Perspektiven wechseln so, dass man immer wieder neue Facetten entdeckt, ohne den roten Faden zu verlieren. Manchmal hätte der Roman für meinen Geschmack ein bisschen flotter sein können; an manchen Stellen zogen sich die Passagen etwas zu sehr, was das Lesetempo etwas ausbremste.
Wer Lust auf eine Familiengeschichte hat, die nicht kitschig oder überdramatisch daherkommt, sondern mit leisen Tönen und einem ganz eigenen Rhythmus erzählt wird, ist hier richtig. Ganz besonders Lesende, die sich für Themen wie queere Identitäten, familiäre Erwartungen und das Ringen um eigene Lebensentwürfe interessieren, finden hier eine berührende Erzählung, die noch lange nachwirkt.
Ein solides, nachdenkliches Buch, das zeigt, wie komplex Familienbande sein können – und wie schwer es manchmal ist, aus altem Schatten herauszutreten. Insgesamt gebe ich 4 von 5 Sternen. Perfekt, wenn man bereit ist für Literatur, die unter die Haut geht, ohne gleich die volle Dramatik auszupacken.