Einsames Watt - Hauptkommissar John Benthien, Teil 12 (Ungekürzt)
Kritik
Kaum hat man „Einsames Watt“ aufgeschlagen, fühlt man sich sofort in die rauen, windgepeitschten Landschaften Nordfrieslands versetzt – so intensiv sind die Beschreibungen, dass man das Salz fast schmecken kann. Mitten in diesem melancholischen Setting startet Hauptkommissar John Benthien in einen Fall, der nicht nur seine Ermittlerinstinkte, sondern auch seine ganz persönlichen Dämonen weckt.
Die Geschichte nimmt Fahrt auf, als ein verlassenes Segelschiff entdeckt wird und kurz darauf die Leiche von Paula Lemmer aus dem kalten Meer gezogen wird. Die Umstände ihres Todes sind rätselhaft, und plötzlich verwebt sich die Gegenwart mit einem längst verdrängten, schmerzhaften Kapitel aus Benthien’s Vergangenheit – einem ungelösten Mordfall, der nicht nur seinen damaligen Mentor, sondern auch John selbst bis heute verfolgt. Nina Ohlandt und Jan F. Wielpütz haben hier einen clever konstruierten Thriller geschaffen, der geschickt zwischen Gegenwart und Rückblenden oszilliert, ohne jemals den Faden zu verlieren.
Was mich besonders beeindruckt hat, ist die Figur des John Benthien: kein Superheld, sondern ein Ermittler mit Ecken und Kanten, dessen Zweifel und Verletzlichkeit die Geschichte lebendig machen. Dazu kommt ein stilistisch angenehmer, flüssiger Erzählton, der trotz der düsteren Thematik immer wieder leichte Passagen und sogar kleine humorvolle Momente einfließen lässt. Das macht das Buch zu keinem klassischen Schwarz-weiß-Krimi, sondern zu einem atmosphärischen Erlebnis, das die norddeutsche Küste fast schon zum dritten Hauptcharakter aufrückt.
Klar, manchmal hätte ich mir bei der Auflösung mehr Tempo gewünscht – das Ganze zieht sich gelegentlich etwas in die Länge, und manche Nebenhandlungen könnten knackiger sein. Aber das ist eher ein Schönheitsfehler in einem ansonsten überzeugenden Paket.
Kurz gesagt: Wer Lust hat auf einen authentischen, atmosphärisch starken Krimi mit viel nordischem Flair und einer Figur, die einem ans Herz wächst, liegt hier goldrichtig. „Einsames Watt“ bringt Spannung und emotionale Tiefe zusammen, ohne sich in Klischees zu verlieren.
Für mich gibt’s deshalb solide 4 von 5 Sternen. Ein echtes Lesevergnügen für alle, die See, Spannung und komplexe Charaktere mögen.