22 Bahnen
Kritik
Tilda ist einer dieser Charaktere, die man sofort ins Herz schließt, auch wenn ihre Welt ganz und gar nicht rosig ist. „22 Bahnen“ erzählt von ihrem Alltag in einer kleinen, trostlosen Stadt – die Fröhlichstraße wirkt da eher wie ein düsterer Widerspruch. Tilda jongliert Studium, Job an der Supermarktkasse und die Verantwortung für ihre kleine Schwester Ida, während die Mutter im Schatten ihrer eigenen Dämonen verschwindet. Und dann taucht Viktor auf, der Bruder eines alten Freundes, ein Erinnerungsanker aus besseren Zeiten und kaum weniger geplagt.
Caroline Wahls Schreibstil kennt keine Umwege: Sie haut einen schnörkellos, aber mit großer Wärme in die Geschichte hinein. Man spürt jeden Kloß im Hals, aber auch die zarten Momente, in denen Hoffnung aufblitzt. Die Figuren sind keine idealisierten Helden, sondern Menschen mit Ecken und Kanten – ehrlich und nah dran. Besonders Tilda wächst einem schnell ans Herz, weil sie weder heldenhaft noch perfekt, sondern einfach echt ist.
Was mich richtig mitgerissen hat, ist die Balance zwischen dem Rauhen und dem Zärtlichen – da steckt so viel Gefühl, ohne dass es kitschig wird. Caroline Wahl findet das Besondere im Alltäglichen und zeigt uns die kleinen Fluchten, die großen Lasten. Einziger Wermutstropfen: Manchmal hätte ich mir gewünscht, die Handlung würde an einigen Stellen eine Spur mehr atmen dürfen, ohne gleich wieder in den nächsten Konflikt zu schlittern.
Wer Lust auf eine Geschichte hat, die weh tut und wärmt, die schwer im Magen, aber leicht im Herzen liegt, liegt hier richtig. „22 Bahnen“ ist ein Buch zum Mitfühlen und Nachdenken, ideal für alle, die keine Scheu vor echten Gefühlen haben.
4 von 5 Sternen – weil es ehrlich, berührend und unbequem zugleich ist. Ein Buch, das man nicht so schnell vergisst.