Das erwachsene Land
Kritik
Manchmal braucht es einen kräftigen Ruck, um vertraute Denkweisen über Bord zu werfen – und genau das gelingt Holger Stark in „Das erwachsene Land“. Dieses Buch fühlt sich an wie ein Weckruf mitten ins gemütliche Wohnzimmer unserer geopolitischen Gewissheiten: Die USA sind nicht mehr der verlässliche Freund, auf den sich ganz Europa blind verlassen kann – ein Gedanke, der erst einmal ein mulmiges Gefühl hinterlässt.
Stark nimmt uns mit auf eine analytische Zeitreise, die sich um den beginnenden Abschied von der jahrzehntelangen US-Hegemonie dreht. Im Fokus stehen politische Gespräche auf höchster Ebene, in denen die Verlagerung der globalen Machtbalance spürbar wird. Dabei zeichnet er nicht nur ein nüchternes Bild der Gegenwart, sondern wagt auch einen kühnen Blick in eine Zukunft, in der Deutschland seine eigenen Schuhe anzieht. Es geht um Verantwortung, Umdenken und Mut – Themen, die gerade im politischen Berlin und Brüssel eine immer größere Rolle spielen.
Die Stärke des Buches? Die klare und doch feinfühlige Sprache, die selbst komplexe diplomatische Verwicklungen zugänglich macht, ohne dabei simplistisch zu wirken. Holger Stark hat ein gutes Gespür dafür, seine Leser:innen mitzunehmen, ohne sie zu überfordern. Seine Figuren – also die realen Akteure an den Schalthebeln der Macht – bekommen überraschend lebendige Züge, was das Ganze weniger trocken und viel greifbarer macht, als man zunächst vermuten würde.
Ehrlich gesagt hätte ich mir manchmal noch etwas mehr Mut zur Provokation gewünscht – gerade wenn es um die Fehler der Vergangenheit geht, bleibt Stark an manchen Stellen relativ behutsam. Auch gegen Ende könnte die Vision eines „erwachsenen Deutschlands“ noch ein bisschen klarer und konkreter werden. Aber das schmälert kaum den Wert dieser analytischen Tour de Force.
Wer sich für die großen Fragen unserer Zeit interessiert, für Politik mit Tiefgang und dabei keine Lust auf trockene Amtsdeutsch-Kost hat, liegt mit „Das erwachsene Land“ goldrichtig. Ein Buch, das wachrüttelt, nachdenklich macht und gleichzeitig Hoffnung auf einen mutigen Neuanfang gibt. Meine Sternevergabe: 4 von 5 – weil es spannend, relevant und überraschend nahbar ist, aber an manchen Stellen noch ein Quäntchen mehr Mut vertragen könnte.