Wenn dir das hier gefiel …
Heimsuchung
Key Facts
Kritik
Sich durch ein ganzes Jahrhundert an einem einzigen Haus zu bewegen, das schafft nicht jeder Roman – „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck gelingt das ziemlich beeindruckend. Die Geschichte entfaltet sich über fünfzehn Lebensläufe, die am märkischen See ein und aus gehen, und nimmt dich mit auf eine Zeitreise von den wilden Zwanzigern bis zur Nachwendezeit. Klingt erst mal nach einem dicken Brett, lässt sich aber überraschend flüssig lesen.
Die Figuren sind keine Helden, sie sind Menschen, ganz greifbar mit Ecken und Kanten. Erpenbeck macht das besonders durch die individuelle Sprachform jeder Geschichte, das gibt jeder Epoche einen eigenen Charakter und tiefe Gefühle, ohne zu verkitschen. Man fühlt die Schwere der Geschichte, ohne sich erschlagen zu fühlen – Respekt! Besonders stark fand ich, wie sie politischen Wandel und das private Leben miteinander verbindet, fast so, als hörst du die Zeit selbst atmen.
Was mich etwas gestört hat: Manchmal ist das Tempo etwas zäh und die vielen Perspektivwechsel fordern Konzentration – hier hätte ich mir einen klareren roten Faden gewünscht. Auch wer leichte Kost sucht, ist hier fehl am Platz, denn das Buch beobachtet oft das Leid und die Schicksale der Menschen sehr genau, da braucht’s eine Portion Durchhaltevermögen.
Wenn du Lust hast auf einen anspruchsvollen, atmosphärisch dichten Roman, der Geschichte nicht nur erzählt, sondern spürbar macht, dann zieh „Heimsuchung“ ruhig mal in Betracht. Für alle, die mit großen Erzählungen und einer Prise Nachdenklichkeit klarkommen, ist das ein spannendes Leseerlebnis – aber eben kein Wohlfühlbuch für zwischendurch.
3.5 von 5 Sternen – ein solider literarischer Ausflug durch ein bewegtes Jahrhundert, bei dem man manchmal ein bisschen durchbeißen muss, der aber definitiv in Erinnerung bleibt.