Die Zunge Europas
Kritik
Manchmal begegnet einem ein Buch, das auf den ersten Seiten wie ein nüchternes Porträt des Alltags wirkt – und einen dann unerwartet tief in die Gefühlswelt seiner Figuren zieht. Genau so ist es bei „Die Zunge Europas“ von Heinz Strunk. Sieben Tage im Leben von Markus Erdmann, einem Mann, dessen Routine so unbarmherzig ist wie die Hitze eines brutalen Sommers.
Markus ist ein 34-jähriger Gagschreiber, der für den abgehalfterten Comedian Phillip arbeitet, der auf der Bühne glänzt, aber privat eher trostlos rüberkommt. Neben dem Job steckt Markus in einer Beziehung fest, die sich längst totläuft – begleitet von den Besuchsterminen bei den Großeltern in einer Hamburger Siedlung, wo der Großvater langsam ins Vergessen driftet. Als Markus auf eine alte Schulbekanntschaft trifft, könnte sich vielleicht etwas verändern, aber ob Janne oder der mysteriöse Onkel Friedrich, genannt „die Zunge Europas“, wirklich Rettung bringen, bleibt offen.
Was Heinz Strunk hier abliefert, ist kein feel-good-Roman, sondern eine Melange aus bitterem Humor und tiefem Mitgefühl. Der Schreibstil ist schnörkellos, oft lakonisch, aber immer wieder durchsetzt von einem feinen, manchmal derben Witz, der das Leben in all seiner Kröte und Komik einfängt. Besonders gelungen fand ich, wie authentisch Strunk Markus’ Welt zeichnet – diese Mischung aus Langeweile, verpassten Chancen und kleinen Momenten, die irgendwie doch Bedeutung bekommen. Da fühlt man mit und lacht mit, auch wenn’s nicht immer heiter ist.
Einziger kleiner Wermutstropfen: Manche Passagen ziehen sich ein bisschen, vor allem wenn Strunk ganz ins Detailschildern der Alltäglichkeiten eintaucht. Das kann für Leser, die es gern etwas flotter mögen, gelegentlich anstrengend sein. Aber genau diese Langsamkeit ist ja wiederum ein Mittel, um die träge Stimmung des Sommers und Markus’ Leben zu spiegeln.
Für alle, die Lust auf einen bitteren, ehrlichen Blick in das Leben eines Mannes haben, der nicht wirklich weiß, wohin mit sich, und für die trockener Humor mehr als nur ein Stilmittel ist, ist „Die Zunge Europas“ genau das Richtige. Wer leichte, perfekte Happy-End-Geschichten sucht, sollte vielleicht lieber einen Bogen machen.
4 von 5 Sternen – weil Strunk’s Blick aufs Alltägliche so was von echt ist, dass man es kaum weglegen mag.