Onigiri (Ungekürzte Lesung)
Kritik
Manchmal reicht eine Reise, um das Vertraute in einem ganz neuen Licht zu sehen – genau so ist es bei „Onigiri“ von Yuko Kuhn. Die Geschichte packt dich sofort, weil sie tief unter die Haut geht und ganz ohne großes Drama erzählt, wie wichtig Familie, Erinnerung und Zugehörigkeit sind.
Im Mittelpunkt steht Aki, die ihre dement erkrankte Mutter Keiko zurück nach Japan bringt, um Abschied zu nehmen – und dabei auf eine vergangene Welt stößt, die sie so nicht erwartet hätte. Was das Buch besonders macht: Die Figuren spiegeln echte Gefühle, ohne klischeehaft oder übertrieben zu wirken. Aki ist dabei nicht nur eine Tochter, sondern auch eine junge Frau, die zwischen den Kulturen navigiert und versucht, ihre Rolle zu finden. Keiko berührt mit ihrer Zerbrechlichkeit, aber auch mit Momenten der Klarheit und Selbstbestimmung.
Yuko Kuhns Schreibstil ist leicht und flüssig, dabei aber detailverliebt genug, dass man sich mitten im japanischen Alltag wähnt. Der Ton ist nie belehrend, sondern liebevoll und warm, was die Geschichte sehr nahbar macht. Mich hat besonders die Art beeindruckt, wie das Buch den Balanceakt zwischen Vergangenheitsbewältigung und Hoffen auf Neuanfang meistert.
Klar, hin und wieder zieht sich die Erzählung etwas in die Länge – gerade bei Langsamkeit in den Beschreibungen hätten ein paar Szenen weniger gereicht. Außerdem wäre ein bisschen mehr Temperament hier und da kein Nachteil gewesen, um die Spannung etwas mehr anzufachen. Aber das schmälert das Gesamtbild nur marginal.
Für alle, die Geschichten über Familie und kulturelle Wurzeln mögen, die nicht nur schöne, sondern auch berührende ehrliche Einblicke gewähren, ist „Onigiri“ genau das richtige Buch. Es ist so was wie eine stille Umarmung – manchmal braucht es genau das.
4 von 5 Sternen – eine feinsinnige, herzerwärmende Reise zwischen Erinnerung und Gegenwart, die man gut mit auf den Weg nehmen kann.