Midlife-Cowboy
Kritik
Schon beim ersten Bild des midlife-geplagten Tillmann auf seinem Rasentraktor habe ich mich irgendwie sofort in dieses herrlich chaotische Leben hineingezogen gefühlt. „Midlife-Cowboy“ von Chris Geletneky trifft genau diesen Nerv: Wie entkommt man dem Spießer-Dasein, wenn der Traum vom wilden Leben sich irgendwann in Reihenhaus-Routine und Gartenteich-Gefangenschaft verwandelt hat?
Tillmann steckt mitten in der klassischen Midlife-Crisis und startet eine emotionale Spritztour, die alles auf den Kopf stellt – inklusive seiner Ehe. Ohne zu viel zu verraten, lässt Geletneky seinen Protagonisten durch eine Reihe schräger Situationen stolpern, die nicht nur überraschend komisch, sondern auch unheimlich nah dran sind. Die Figuren sind bodenständig gezeichnet und voller Ecken und Kanten, besonders Tillmann mit seinen liebenswerten Fehltritten wirkt absolut menschlich und kein bisschen überzeichnet. Da hätte ich ihm am liebsten manchmal an die Schulter geklopft und ein bisschen Mut zugeredet.
Der Schreibstil ist locker, flott und dabei lebendig genug, um sowohl das Tragische als auch das Lächerliche des Lebens herauszuschälen, ohne jemals ins Kitschige abzurutschen. Ein besonderer Pluspunkt: Geletnekys Humor schleicht sich immer wieder fast unbemerkt ein, sodass man zwischendurch herzlich lachen muss, obwohl man ja eigentlich über ernste Themen liest.
Klar, das Tempo könnte an manchen Stellen etwas gleichmäßiger sein – die eine oder andere Szene wirkt ein wenig zu langgezogen, und ein paar Figuren hätte ich mir noch etwas vielschichtiger gewünscht. Aber das sind Kleinigkeiten, die den Spaß kaum trüben.
Für alle, die schon mal mit der Frage „Wie zur Hölle bin ich hier eigentlich gelandet?“ gekämpft haben, ist „Midlife-Cowboy“ ein sympathischer Begleiter. Locker geschrieben, emotional ehrlich und mit einem Schuss Selbstironie, der das Buch liebenswert macht.
Am Ende bleibt das Gefühl: Nicht perfekt, aber genau richtig, um mal wieder über das eigene Leben und die verpassten Abenteuer zu schmunzeln. Von mir gibt’s deshalb solide 4 von 5 Sternen. Wer gern Geschichten mit Herz, Humor und ein bisschen Chaos mag, sollte Tillmann definitiv eine Chance geben.