SYLTKRIMI Hünengrab - Küstenkrimi: Nordseekrimi
Kritik
Ich habe das Buch an einem verregneten Nachmittag aufgeschlagen und sofort das Gefühl gehabt, die kalte Brise von Sylt bläst einem mitten ins Gesicht — genau die richtige Stimmung für einen Küstenkrimi.
Worum es geht, in knappen Zügen: Auf Sylt wird der einflussreiche Immobilienunternehmer Onno Svenken tot aufgefunden — offenbar erhängt. Hauptkommissarin Bente Brodersen und ihre Kollegin Heike Röder schließen Selbstmord aus und stoßen bald auf eine Familie voller Geheimnisse, auf eine rätselhafte altnordische Rune und auf einen einzigen Freund des Verstorbenen, Raik Hartjen. Zwischen alten Mythen, Groll und hässigen Erbauseinandersetzungen wird klar: Auf einer Insel reicht ein Funke, damit alte Geschichten wieder Feuer fangen. Mehr verrate ich nicht — keine Spoiler.
Bente ist das Herzstück des Romans: friesisch stur, kompromisslos und mit einem feinen Sinn für Gerechtigkeit. Sie wirkt nahbar und glaubwürdig, nicht überzeichnet. Heike ergänzt sie gut, clever und mit einem kleinen moralischen Dilemma, das dem Ermittlerduo Tiefe verleiht — (ja, das hat mich tatsächlich kurz überlegen lassen). Der Umgang mit Nebenfiguren ist gepfeffert: Einige bleiben bewusst skizzenhaft, andere überraschen mit kleinen, gut gesetzten Facetten. Besonders gelungen finde ich die Atmosphäre: Die Insel, das Wetter, die mondäne wie auch morbide Seite von Sylt — Rehberg bringt das Setting in wenigen Sätzen so plastisch rüber, dass man fast die Salzwiesen riecht. Der Erzählstil ist direkter Krimi-Ton, mit klaren, schnörkellosen Sätzen; Tempo und Spannung werden meist sauber gehalten, kleine Kapitelwechsel treiben die Lektüre voran.
Was mir gut gefallen hat:
- Die Szenerie — Sylt als eigener, fast schon cholerischer Charakter.
- Bente als Ermittlerin: charmant robust, keine aufgesetzte Toughness.
- Die Mischung aus Familienkonflikt, Wirtschaftsmacht und nordischer Mythologie — originell verknüpft, ohne gekünstelt zu wirken.
Was weniger rund läuft:
- Manche Nebenfiguren bleiben blass und hätten mehr Tiefe verdient. Das Auge bleibt manchmal an Kleinigkeiten hängen, wo ein stärkeres Motiv schön gewesen wäre.
- Gegen Ende zieht sich die Jagd nach Beweisen stellenweise etwas, und der finale Twist wirkt für mich teilweise konstruiert statt zwingend — nicht katastrophal, aber bemerkbar.
Fazit: Wer stimmungsvolle Küstenkrimis mit einer ernsten, aber nicht überdramatisierten Ermittlerin mag und Sylt als Setting reizvoll findet, liegt hier richtig. Wer dagegen psychologisch tief gezeichnete Figuren oder ein extrem raffiniertes Whodunit sucht, könnte etwas zu kurz kommen. Für einen gemütlichen, aber spannenden Nordseekrimi-Abend sehr empfehlenswert.
Bewertung: 4 von 5 Sternen