Leere Herzen
Kritik
„Leere Herzen“ hat mich gleich von Beginn an in seinen Bann gezogen – dieses Gefühl von unterschwelliger Bedrohung, gepaart mit einer ganz eigenen Portion Trostlosigkeit, macht das Buch zu einem Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Juli Zeh zeigt hier eine Welt, in der Pragmatismus und Zynismus aufeinandertreffen, eine Gesellschaft, die irgendwie abgestumpft zu sein scheint und doch gefährlich brodelt.
Im Mittelpunkt steht Britta Söldner, eine kluge und abgeklärte Geschäftsfrau, die mit ihrem Partner Babak eine Firma leitet, die mehr im Schatten als im Rampenlicht agiert. Was sie tun, klingt im ersten Moment fast banal, doch je tiefer man eintaucht, desto mehr merkt man: Hier geht es um Macht, Zweifel und Überlebenskampf in einer moralisch vertrackten Welt. Die Charaktere sind keine Helden, eher Antihelden, die mit ihren Schwächen und Ecken unglaublich real und nahbar wirken. Manchmal hatte ich das Gefühl, ich schaue einem knallharten Schachspiel zu, bei dem jeder Zug nachdenklich gemacht hat.
Juli Zehs Stil ist scharf und präzise, dabei aber locker genug, dass man als Leser:in nicht ständig Pause machen muss, um das Gelesene zu verdauen. Ihre Sprache trifft genau auf den Punkt und schafft es, komplexe gesellschaftliche Themen ohne moralischen Zeigefinger zu vermitteln. Hin und wieder hätte ich mir etwas mehr emotionale Tiefe gewünscht – manche Figuren bleiben doch etwas blass, was vermutlich Absicht ist, um die Kälte der Story zu unterstreichen. Trotzdem hätte das für mich an einigen Stellen ruhig ein bisschen mehr Herzblut sein dürfen.
Kritisch sehe ich die etwas kürzere Laufzeit – gut unter sieben Stunden kann man das Hörbuch zügig durchhören, was schnell zum „Schade, schon vorbei“ führt. Außerdem ist das Tempo nicht durchgängig hoch, sodass die Spannung zeitweise etwas nachlässt, allerdings nie so stark, dass der Lesefluss komplett gestört wird.
Wer Lust auf einen smarten, bissigen und gesellschaftlich relevanten Thriller mit Tiefgang hat, der wird „Leere Herzen“ lieben. Wer dagegen auf rasante Action oder typisch klare Moral wartet, sollte vielleicht eher die Finger davon lassen.
Ein Buch, das nachdenklich stimmt und lange nachhallt – absolut lesenswert.
4 von 5 Sternen.
Klappentext
Sie sind desillusioniert und pragmatisch. Sie haben den Zynismus der Politik genauso durchschaut wie den modernen Selbstoptimierungswahn oder das kleinbürgerliche Gutmenschentum. Sie haben sich in der Welt erfolgreich eingerichtet – und sie haben keine Lust, deswegen Schuldgefühle zu haben. Zusammen mit dem Informatikgenie Babak Hamwi hat Britta Söldner eine kleine Firma aufgezogen, die beide reich gemacht hat. Hinter der Fassade ihrer unscheinbaren Büroräume aber betreiben Britta und Babak ein lukratives Geschäft mit dem Tod. Als ihr Unternehmen unliebsame Konkurrenz zu bekommen droht, setzt Britta alles daran, die unbekannten Trittbrettfahrer auszuschalten. Doch sie hat ihre Gegner unterschätzt. Bald ist nicht nur Brittas Firma in Gefahr, sondern auch ihr Leben …
Gelesen von Ulrike C. Tscharre.
(Laufzeit: 6h 55)