Angststillstand
Kritik
Wer sich fragt, wie eine Gesellschaft zugleich offen für Meinungen sein kann und doch vor lauter Empfindlichkeiten ins Stocken gerät, findet in „Angststillstand“ von Richard David Precht einen klugen und nachdenklichen Begleiter. Precht nimmt genau diesen Nerv der Zeit unter die Lupe: Warum fühlen wir uns heute so schnell persönlich angegriffen? Und wie schaffen wir ein Miteinander, das sowohl Sensibilität als auch Stärke zulässt?
Das Buch ist ein engagiertes Plädoyer für mehr Resilienz und Gelassenheit – genau die Zutaten, die wir im digitalen Dauerfeuer der Social-Media-Welt dringend brauchen. Precht erklärt, wie die Forderung nach individueller Freiheit und Identität gleichzeitig eine neue Verletzlichkeit hervorgebracht hat, die Gesellschaften zu lähmen droht. Seine Analyse trifft oft ins Schwarze, ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu heben. Das fühlt sich ehrlich an und regt zum Nachdenken an, ohne zu belehren.
Die klare, verständliche Sprache und der lockere Erzählton machen „Angststillstand“ trotz des ernsten Themas erstaunlich zugänglich. Precht ist ein Meister darin, komplexe Gedanken auf den Punkt zu bringen und mit seiner ruhigen Art selbst große Themen greifbar zu machen. Die Lesung, gesprochen von Precht selbst, verleiht dem Ganzen eine persönliche Note, fast wie ein Gespräch unter Freunden.
Klar, das Buch ist keine leichte Lektüre zum „Mal-eben-weglesen“. Manchmal hätte ich mir etwas mehr konkrete Lösungsansätze gewünscht, statt vieler Fragen, die ja auch wichtig sind – aber manchmal fühlt es sich gerade deshalb etwas offen an. Wer also klare Antworten sucht, könnte leicht etwas ungeduldig werden.
Im Großen und Ganzen ist „Angststillstand“ ein spannender Weckruf für alle, die sich für Gesellschaft, Politik und menschliches Miteinander interessieren. Wer das Wort „Resilienz“ nicht nur hip finden will, sondern verstehen, wie es unsere Zukunft prägen kann, liegt hier richtig.
4 von 5 Sternen – ein Buch, das zum Nachdenken einlädt, ohne zu überfordern. Ideal für alle, die gerne mit klarem Kopf und offenem Herzen in Zeiten der Empfindlichkeiten navigieren wollen.
Klappentext
Wie kann es sein, dass die Meinungsfreiheit in liberalen Gesellschaften wie in Deutschland an ihre Grenzen stößt, obwohl wir keine eingeschränkten Grundrechte und unendlich viele Möglichkeiten der Meinungsäußerung haben? Im Zuge der Entwicklung der Individualität seit Beginn des bürgerlichen Zeitalters ist im 21. Jahrhundert eine neue Verletzlichkeit entstanden, die unsere Gesellschaft vor eine Zerreißprobe stellt. Je mehr wir unsere Individualität ausdehnen und die Dinge ›persönlich‹ nehmen, umso leichter fühlen wir uns gekränkt, beleidigt oder missachtet. Beschleunigt durch Social Media und seine Möglichkeiten des Shitstorms und des Cancelns gerät die Gesellschaft in Deutschland mehr und mehr in einen Angststillstand. Wie soll eine beherzte und entschiedene Politik, eine provozierende Kunst und Kultur noch möglich sein, wenn sich immer und überall jemand verletzt fühlt? Der Schlüssel kann nur in einer neuen Resilienz und Gelassenheit liegen, die der eigenen Sensibilität wie auch der des anderen gleichermaßen Raum lässt.
Ungekürzte Lesung mit Richard David Precht
5h 4min