Über Menschen
Kritik
Manchmal braucht man einfach eine Geschichte, die einen mitten ins Herz trifft – und genau das schafft Juli Zeh mit „Über Menschen“. Die Protagonistin Dora flieht mit ihrer kleinen Hündin aufs Land, weil ihr urbanes Leben gerade ziemlich eng wird. Doch anstatt der ersehnte Frieden einzukehren, wird sie in Bracken, einem verschlafenen brandenburgischen Dorf, mit ganz unerwarteten Herausforderungen und Menschen konfrontiert, die alles andere sind als leicht zu durchschauen.
Die Handlung ist sparsam, aber sehr präzise erzählt: Dora sucht Abstand – von ihrem Freund, vom Großstadttrubel, von sich selbst. Gleichzeitig trifft sie auf Nachbarn, die mit Vorurteilen und Klischees spielen, und wird so auf eine Reise geschickt, die nicht nur ihr eigenes Weltbild, sondern auch das der Leser:innen in Frage stellt. Zeh versteht es meisterhaft, die feinen Risse unserer Zeit aufzuzeigen, ohne dabei ins Schwarz-Weiß-Denken zu verfallen.
Was mir besonders gefallen hat, ist ihr klarer, schnörkelloser Schreibstil, der mit einer guten Portion Witz und Ironie gewürzt ist. Dora als Figur wirkt ehrlich, verletzlich, und doch kämpferisch – eine Mischung, die man selten so authentisch findet. Man spürt förmlich, wie die Autorin selbst mit denselben Fragen ringt, die auch uns gerade umtreiben.
Klar, manchmal hätte ich mir ein bisschen mehr Tempo gewünscht, denn die ruhigen Passagen schleichen sich schon mal ein und ziehen die Geschichte etwas in die Länge. Aber genau dadurch gewinnt das Buch an Tiefe und lädt zum Nachdenken ein – und das ist ja auch irgendwie ein Luxus in unserer schnelllebigen Welt.
„Über Menschen“ ist genau das richtige Buch für alle, die nicht nur unterhalten werden wollen, sondern Lust auf einen ehrlichen Blick auf unsere Gesellschaft haben – leichtfüßig, aber mit Tiefgang. Wer sich gern auf Geschichten einlässt, die zum Innehalten und Umdenken anregen, liegt hier goldrichtig.
4 von 5 Sternen – ein kluger Blick aufs Leben zwischen Idealismus, Vorurteilen und dem komplexen Alltag dazwischen.
Klappentext
Dora ist mit ihrer kleinen Hündin aufs Land gezogen. Sie brauchte dringend einen Tapetenwechsel, mehr Freiheit, Raum zum Atmen. Aber ganz so idyllisch wie gedacht ist Bracken, das kleine Dorf im brandenburgischen Nirgendwo, nicht. In Doras Haus gibt es noch keine Möbel, der Garten gleicht einer Wildnis, und die Busverbindung in die Kreisstadt ist ein Witz. Vor allem aber verbirgt sich hinter der hohen Gartenmauer ein Nachbar, der mit kahlrasiertem Kopf und rechten Sprüchen sämtlichen Vorurteilen zu entsprechen scheint. Geflohen vor dem Lockdown in der Großstadt muss Dora sich fragen, was sie in dieser anarchischen Leere sucht: Abstand von Robert, ihrem Freund, der ihr in seinem verbissenen Klimaaktivismus immer fremder wird? Zuflucht wegen der inneren Unruhe, die sie nachts nicht mehr schlafen lässt? Antwort auf die Frage, wann die Welt eigentlich so durcheinandergeraten ist? Während Dora noch versucht, die eigenen Gedanken und Dämonen in Schach zu halten, geschehen in ihrer unmittelbaren Nähe Dinge, mit denen sie nicht rechnen konnte. Ihr zeigen sich Menschen, die in kein Raster passen, ihre Vorstellungen und ihr bisheriges Leben aufs Massivste herausfordern und sie etwas erfahren lassen, von dem sie niemals gedacht hätte, dass sie es sucht.
Juli Zehs neuer Roman erzählt von unserer unmittelbarsten Gegenwart, von unseren Befangenheiten, Schwächen und Ängsten, und er erzählt von unseren Stärken, die zum Vorschein kommen, wenn wir uns trauen, Menschen zu sein.
Ungekürzte Lesung mit Anna Schudt
10h 11min