Rotkäppchens Traum
Kritik
Kaum schlägt man „Rotkäppchens Traum“ von Max Bentow auf, zieht einen die beklemmende Unsicherheit der Hauptfigur sofort in ihren Bann. Annie Friedmann erwacht im Wald, verloren und von einem Nebel des Vergessens umhüllt – das ist der Moment, an dem auch wir als Leser:innen nicht mehr wissen, wem wir noch glauben sollen. Dieses Gefühl von hilfloser Verwirrung zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte und macht das Buch zu einem echten Pageturner.
Im Zentrum steht Annie, eine Frau, die plötzlich mit einem Alltag konfrontiert ist, der ihr komplett fremd erscheint – angefangen bei dem roten Mantel, der von Blut befleckt ist, bis hin zu einem Mann, der ihr eine intensive Beziehung vorgaukelt, an die sie keine Erinnerung hat. Max Bentow versteht es meisterhaft, diese fragile Figur mit Authentizität und Tiefgang auszustatten. Man fühlt förmlich Annies Panik, ihre Suche nach Wahrheit und vor allem ihre Angst, sich selbst zu verlieren. Dazu kommt ein Schreibstil, der trotz der düsteren Grundstimmung leicht und flüssig bleibt – man fliegt förmlich durch die Seiten, ohne von zu vielen Details erschlagen zu werden.
Besonders beeindruckend fand ich, wie Bentow Spannung aufbaut, ohne auf schnelle Action zu setzen. Die psychologische Komponente, die unterschwellige Bedrohung und die vielen kleinen Puzzleteile, die erst nach und nach ein Bild ergeben, machen das Lesen zum Erlebnis. Die Geschichte hat genau das richtige Tempo, um einen dauerhaft neugierig zu halten. Axel Milbergs Sprecherstimme bei der Hörbuchversion verleiht dem Ganzen noch mal eine zusätzliche Dimension – perfekt, wenn man unterwegs oder beim Entspannen hören will.
Natürlich wäre es schön gewesen, wenn manche Nebenfiguren etwas mehr Tiefe bekommen hätten und einige Fragen am Ende noch etwas klarer beantwortet wären. Aber gerade dieses kleine Maß an Geheimnis macht den Reiz aus, auch wenn man als Leserin zwischendurch kurz überlegt, ob man dem Ganzen nun ganz auf die Schliche kommt oder nicht.
Wer auf spannende Psychothriller mit einem Hauch von Mystery steht und Lust hat, in eine Welt voller Zweifel und Vergessenheit einzutauchen, ist hier goldrichtig. Für Fans von packenden, aber nicht überladenen Geschichten, in denen die Charaktere einem ans Herz wachsen, ist Max Bentows „Rotkäppchens Traum“ genau das richtige Buch.
Ich vergebe 4 von 5 Sternen – spannend, mit Ecken und Kanten, die neugierig machen und ein bisschen nachhallen. Definitiv ein Tipp für alle, die gerne zwischen Nervenkitzel und menschlichen Abgründen wandeln.
Klappentext
Als Annie Friedmann wieder zu Bewusstsein gelangt, ist sie zutiefst verstört. Warum liegt sie in einem Wald, unter Laub verborgen? Wie ist sie hierher gekommen, und warum klebt Blut an ihrem roten Mantel? Ihre Erinnerung ist wie ausgelöscht, sie weiß nur, dass sie namenlose Angst hat. Alles wird immer rätselhafter, als sie herausfindet, dass sie sich in einem kleinen Ort in der Nähe von Ulm befindet – eine Gegend, die ihr gänzlich unbekannt ist. Und warum behauptet ein ihr fremder Mann, eine Liebesbeziehung mit ihr zu haben? Annie macht sich auf die verzweifelte Suche nach der Wahrheit. Und was sie entdeckt, droht ihr ganzes Leben zu zertrümmern ...
Gelesen von Axel Milberg.