Zur See
Kritik
Wenn du Lust auf eine Geschichte hast, die dich sanft ans Meer entführt und dabei mitten ins Herz trifft, dann ist „Zur See“ von Dörte Hansen genau das Richtige. Die kleine Nordseeinsel, auf der die Familie Sander lebt, wirkt wie ein eigener Kosmos – abgeschieden, aber voller Lebensgeschichten, die den Wandel spüren lassen, den die Zeit mit sich bringt.
Im Mittelpunkt stehen Hanne und ihre drei Kinder, jeder mit seinen eigenen Kämpfen und Träumen: der Älteste, der mit seiner Vergangenheit hadert, die Tochter Eske, die mit einer wachsenden Touristenflut ringt, und der jüngste Sohn Henrik, der überraschend im Reinen mit sich ist. Dörte Hansen versteht es, diese Figuren so lebendig und nahbar zu zeichnen, dass man oft das Gefühl hat, selbst Teil dieser Inselgemeinschaft zu sein. Ihr Schreibstil ist warm, einfühlsam und zugleich unaufgeregt – mit einem Hauch norddeutscher Melancholie, der perfekt zur Stimmung passt.
Was mir besonders gefällt: Die Balance zwischen Tradition und Veränderung, die hier so natürlich erzählt wird, ohne in Kitsch abzudriften. Man spürt den leisen Abschied von alten Gewissheiten und das Aufbegehren gegen das, was sich nicht mehr halten lässt. Zwischendurch gibt es Momente, die mich wirklich nachdenken ließen oder einfach zum Schmunzeln brachten – genau die richtige Mischung.
Kritisch anmerken würde ich, dass manche Passagen mit etwas mehr Tempo und Spannung dem Erzählfluss gutgetan hätten. An manchen Stellen zieht sich die Geschichte ein wenig, was aber auch zum entspannten Flair des Buchs passt – wer also auf rasante Plots steht, könnte hier etwas Geduld brauchen.
Kurz gesagt: „Zur See“ ist ein Buch, das man nicht einfach liest, sondern fühlt. Ideal für alle, die Geschichten mit Tiefgang mögen und sich vom Setting Nordsee verzaubern lassen wollen. Für mich sind das klare 4 von 5 Sternen – ein stimmiges, herzerwärmendes Stück Literatur, das lange nachhallt.
Klappentext
Eine Stunde vom Festland entfernt liegt die idyllische kleine Nordseeinsel, auf der die Familie Sander lebt. Drei Kinder hat Hanne großgezogen, ihr Mann hat die Familie und die Seefahrt aufgegeben, ihr Ältester ist gequält von alten Flutstatistiken und hat sein Kapitänspatent verloren, Tochter Eske fürchtet die Touristenströme. Nur Henrik, der Jüngste, ist mit sich im Reinen. Im Laufe eines Jahres verändert sich das Leben der Familie Sander von Grund auf, erst kaum spürbar, dann mit voller Wucht.
Klug und mit großer Wärme erzählt Dörte Hansen vom Wandel einer Inselwelt, von alten Gesetzen, die ihre Gültigkeit verlieren, von Aufbruch und Befreiung.
Ungekürzte Lesung mit Nina Hoss
7h