Wenn dir das hier gefiel …
Der Prozeß
Key Facts
Kritik
Man blättert „Der Prozeß“ auf und sofort spürt man diese eigenartige Mischung aus Beklemmung und Neugier – fast so, als würde man selbst plötzlich in einem undurchsichtigen Albtraum stecken, in dem die Regeln sich ständig ändern. Kafkas Geschichte setzt genau da an: Josef K., ein ganz normaler Bankangestellter, wird eines Morgens ohne ersichtlichen Grund verhaftet und sieht sich einem undurchschaubaren Gerichtssystem gegenüber, das ihn langsam vereinnahmt und quasi verschlingt.
Josef K. selbst ist ein Charakter, bei dem ich ständig zwischen Mitgefühl und Frustration hin- und hergerissen war. Er wirkt wie jeder von uns, der plötzlich gegen ein unbegreifliches System ankämpft, das ihm nicht mal erklärt, worum es überhaupt geht. Kafkas Schreibstil ist dabei genau das Richtige für diese beklemmende Atmosphäre: präzise, klar und doch so surreal, dass man sich sofort verloren fühlt. Da merkt man, warum Kafkas Werk zeitlos genannt wird – es trifft mitten ins Herz der modernen Existenzangst.
Was ich besonders spannend fand, ist, wie Kafka mit Andeutungen spielt, die nie ganz greifbar werden. Dieses ständige Schweben zwischen Realität und Albtraum hat was Fesselndes, obwohl es manchmal auch etwas nervig sein kann, weil man als Leser immer im Dunkeln tappt. Manchmal wünscht man sich einfach mehr Klarheit, mehr Auflösung – aber genau das ist wohl Absicht. Trotzdem hat mich die Geschichte stellenweise durch ihre undurchsichtigen Strukturen eher ermüdet als mitgerissen.
Wer also Lust auf klare Antworten sucht, wird hier eher enttäuscht – aber wer sich auf ein verstörendes, tiefgründiges Leseerlebnis einlassen will, das einen nachhaltig beschäftigt, ist hier goldrichtig. Ein Buch, das man nicht mal so nebenbei liest, sondern eher mit etwas Geduld und Offenheit.
Am Ende bleibt bei mir ein zwiespältiges Gefühl: „Der Prozeß“ ist definitiv ein Klassiker und eine beeindruckende Studie über Macht und Ohnmacht, aber auch ein Buch, das einem mit seiner spröden Art manchmal auf die Nerven gehen kann. Für alle, die sich nicht scheuen, sich durch ein rätselhaftes Labyrinth treiben zu lassen, ist das genau die richtige Lektüre. Für alle anderen eher nur mit Vorsicht zu empfehlen.
Bewertung: 2 von 5 Sternen – ein wichtiges Werk, aber kein Wohlfühlbuch.
Klappentext
Entstanden 1914/15. Erstdruck: Berlin 1925.
Vollständige Neuausgabe mit einer Biographie des Autors.
Herausgegeben von Karl-Maria Guth.
Berlin 2015.
Textgrundlage ist die Ausgabe:
Franz Kafka: Gesammelte Werke. Herausgegeben von Max Brod, Band 1–9, Frankfurt a.M.: S. Fischer, 1950 ff.
Die Paginierung obiger Ausgabe wird in dieser Neuausgabe als Marginalie zeilengenau mitgeführt.
Umschlaggestaltung von Thomas Schultz-Overhage unter Verwendung des Bildes: Vincent van Gogh, Die Runde der Gefangenen, 1890.
Gesetzt aus Minion Pro, 11 pt.
Über den Autor:
1883 in Prag als ältestes von sechs Kindern eines deutschjüdischen Kurzwarenhändlers geboren, studiert Franz Kafka Jura und arbeitet nach seiner Promotion für eine Versicherungsgesellschaft. Gleichzeitig erscheinen seine ersten Prosastücke in der Zeitschrift »Hyperion«. Der literarische Erfolg zu Lebzeiten bleibt aus. Er ist zeit seines Lebens von Selbstzweifeln geplagt, fühlt sich von einem übermächtigen Vater belastet und unterhält nacheinander wankelmütige Beziehungen zu Felice Bauer und Milena Jesenská, die er literarisch verarbeitet. Seine schwer angeschlagene Gesundheit zwingt ihn 1922 zur Aufgabe seines Brotberufes. 1924 stirbt Franz Kafka im Sanatorium Kierling bei Wien an Tuberkulose. Sein langjähriger Freund Max Brod gibt sein nur in Teilen zu Lebzeiten veröffentlichtes Werk aus dem Nachlass heraus. Kafka hatte dessen Vernichtung ausdrücklich verfügt.