Vaim (ungekürzt)
Kritik
Manchmal ist es genau das Unaufgeregte, das einen Roman so tief berührt – „Vaim“ von Jon Fosse schafft das mit einer fast schwebenden Leichtigkeit, die man erst ganz langsam wahrnimmt. Die Geschichte taucht ein in die stillen Momente eines Lebens an der norwegischen Westküste, wo ein Mann namens Jatgeir sein Boot besteigt, um in die Großstadt zu fahren – eigentlich nur, um Nadel und Faden zu kaufen, aber klar, da steckt mehr dahinter. Es geht um Sehnsüchte, Erinnerungen und Begegnungen, die das Vertraute ins Wanken bringen, vor allem als Jatgeir auf Eline trifft, seine Jugendliebe, die gerade ihren Mann verlassen hat.
Fosses Figuren sind keine Helden im klassischen Sinne, sondern Menschen, die eher reagieren als agieren, deren Passivität fast greifbar ist. Die ungewöhnlich entschiedene Eline sorgt für den nötigen Kontrast und gibt der Story eine überraschende Schärfe. Was mir besonders gefallen hat: Fosses Sprache. Sie ist reduziert, fast meditativ, aber genau deshalb so intensiv. Es fühlt sich an, als würde man direkt in den Gedanken der Figuren sitzen, ohne großes Gerede, dafür mit viel Atmosphäre und einer feinen Portion Existenz-Absurdismus.
Natürlich ist „Vaim“ kein Buch für schnelle Lesehappen oder wer Drama á la Hollywood erwartet. Manche mögen Fosses behutsamen Rhythmus als zu langsam empfinden, auch die karge Handlung erfordert Geduld – aber gerade das macht den besonderen Reiz aus. Wer Lust auf ein literarisches Abenteuer hat, das ohne große Effekte auskommt und trotzdem im Kopf nachhallt, sollte unbedingt reinschauen.
Ein stilles, kluges Buch über das Leben in seinen kleinen und großen Wendungen – mit einer Prise Nordmeeres-Brise. Für Leser:innen, die sich auf das Unaufgeregte einlassen können, ist „Vaim“ ein echter Gewinn.
Bewertung: 4 von 5 Sternen.