Pony Show
Kritik
Ich bin direkt mitten in einen Krimi geraten, der mehr Fragen aufwirft als Antworten liefert – und genau das macht „Pony Show“ von Juli Zeh so spannend. Eine renommierte Verlegerin, Betty, wird unter Mordverdacht gestellt, nachdem ihr junger Kollege Fero spurlos verschwindet. Sofort ist man mittendrin im Geschehen: ein aufsehenerregender Prozess, öffentliche Empörung und die ständige Suche nach Wahrheit in einem Dickicht aus Intrigen und Manipulationen.
Betty ist eine faszinierend komplexe Figur – tough, verletzlich und zugleich irgendwie undurchschaubar. Ihr Verteidiger Mark stolpert von einem Zweifel zum nächsten und verstrickt sich genauso sehr im Dunkel wie der Leser. Der Schreibstil von Juli Zeh schlägt genau die richtige Balance: Klar, schnörkellos und mit einem Hauch von Ironie, der das Ganze auflockert, ohne den Ernst der Geschichte zu schmälern. „Pony Show“ fühlt sich an wie ein gelungenes Duell zwischen Fakten und Vorurteilen, wobei die Autorin geschickt mit unseren Erwartungen spielt.
Was mir besonders gefallen hat, ist, wie Zeh gesellschaftliche Themen – Freiheit, Rollenbilder, Vorverurteilung – in einen spannenden Plot verpackt und uns damit zum Nachdenken anregt. Klar, stellenweise hätte ich mir mehr Tempo gewünscht, manche Passagen ziehen sich ein bisschen, aber das passt irgendwie zum Gerichtssaal-Setting und baut die nervenzerreißende Atmosphäre richtig gut auf. Außerdem bringt die Lesung mit David Schütter eine zusätzliche Dynamik, die das Ganze lebendig macht.
Für alle, die Lust auf einen raffinierten Psychothriller mit Tiefgang haben, ist „Pony Show“ ein Volltreffer. Wenn du auf klar strukturierte Geschichten stehst, die nicht bloß unterhalten, sondern dir auch den Spiegel vorhalten, solltest du unbedingt zugreifen. Wer aber schnelle Action und Leichtes fürs Wochenende sucht, könnte hier eher ins Grübeln kommen.
4 von 5 Sternen – weil das Buch neugierig macht, klug konzipiert ist und lange nachhallt.
Klappentext
Sie ist über fünfzig, verheiratet und Chefin eines großen Literaturverlags. Er ist Ende zwanzig und ein aufstrebendes Talent in ihrem Unternehmen. Betty und Fero sind ein perfektes Team – und eine brisante Verbindung auf sehr dünnem Eis.
Als Fero eines Tages verschwindet und Betty mit einer Pistole und Falschgeld an der ungarischen Grenze aufgegriffen wird, scheint die Sache klar: Betty ist Feros Mörderin.
Der "Loverboy-Fall" landet vor dem Hamburger Landgericht, spaltet die Öffentlichkeit und elektrisiert die Medien. Beweist Bettys Fall, dass Frauen genauso toxisch sein können wie Männer? Oder ist sie das prominente Opfer einer Gesellschaft, die noch immer Prozesse gegen freiheitsliebende Frauen führt?
Für Bettys Verteidiger Mark ist es der wichtigste Auftrag seiner Karriere. Doch schnell merkt er, dass er sich auf nichts verlassen kann – nicht einmal auf sich selbst. Wer verfolgt hier welche Agenda? Wer manipuliert wen? Und was glauben wir nur deshalb, weil wir es glauben wollen?
Und vor allem: Was hat Betty wirklich getan?
Ungekürzte Lesung mit David Schütter
19h 14min