Das tickende Herz
Kritik
Manchmal stolpert man über ein Buch, das einen auf seltsame Weise nicht mehr loslässt – „Das tickende Herz“ ist so ein Fall. Lutz Seiler nimmt uns mit auf eine Reise quer durch Europa und Kasachstan, die mehr ist als eine einfache Liebesgeschichte. Carl Bischoff kehrt aus der brandenburgischen Provinz nach Berlin zurück, doch das Ankommen ist nur ein kurzes Intermezzo, bevor er zusammen mit Aysha, Tochter eines kasachischen Schamanen, auf eine fast schon mystische Pilgerschaft aufbricht. Von Amsterdam über Rotterdam bis hin zur nuklearverseuchten Steppe Kasachstans entfaltet sich ihre Beziehung zwischen Magie, Zweifel und einem Hauch von Wahnsinn.
Carl und Aysha sind keine Held*innen aus dem Bilderbuch, sondern Menschen voller Widersprüche und Fragen. Besonders Aysha, deren familiäre Wurzeln und spirituellen Hintergründe immer wieder faszinierende Einblicke erlauben, bleibt lange geheimnisvoll und rätselhaft – und genau das macht sie so mitreißend. Seilers Sprache ist dabei weder trocken noch verkopft, sondern schafft es, die teils surrealen Erlebnisse mit einer feinen Balance zwischen Poesie und lakonischer Klarheit zu erzählen. Man spürt die Kälte der kasachischen Steppe genauso wie die innere Zerrissenheit der Figuren.
Einziger Wermutstropfen: Gerade zum Ende hin wird die Geschichte stellenweise etwas sperrig und verliert sich in Symbolik, die nicht für jeden zugänglich sein dürfte. Für Leserinnen, die klare Antworten suchen, kann das frustrierend sein. Aber wer sich auf diese subtile Melancholie und die über den Text schwebende Mystik einlässt, findet hier ein kleines Juwel voller starker Bilder und nachklingender Emotionen.
Kurz gesagt: „Das tickende Herz“ ist ideal für alle, die Lust haben auf eine eigenwillige Reise an die Grenzen der Realität und der Liebe. Wer sich von einem unkonventionellen Erzählstil nicht abschrecken lässt, bekommt hier das Abenteuer eines ganz besonderen Paares serviert – kein Buch für zwischendurch, aber definitiv eins für lange Abende mit Tiefgang.
4 von 5 Sternen.