Papenburg - Philipp Oehmkes Roman nach seinem Bestseller "Schönwald" (ungekürzt)
Kritik
Manchmal trifft ein Buch mitten ins Herz und bleibt trotzdem erfrischend unaufgeregt – genau so verhält es sich mit „Papenburg“ von Philipp Oehmke. Die Geschichte einer Familie, die zwischen Liebe, egoistischen Entscheidungen und der schwer fassbaren Suche nach Vergebung zerbricht und doch irgendwie zusammenhält, fühlt sich überraschend nah an. Emilia Papenburg, die ihren Mann Benni und ihr altes Leben verlässt, um in New York einen Neuanfang zu wagen, ringt mit eigenen Zweifeln und der Last ihrer Familiengeschichte. Parallel dazu kämpfen ihre Eltern darum, das Unmögliche möglich zu machen: die Familie wieder zu vereinen, trotz der tiefen Wunden, die alle mit sich herumtragen. Benni hingegen hat sich längst entschieden, sein eigenes Glück über familiäre Verpflichtungen zu stellen – und das bringt ordentlich Zündstoff in die Geschichte.
Oehmkes Figuren sind keine glatten Helden, sondern Menschen mit Macken, Verletzlichkeiten und ganz echten Konflikten. Das macht die Charaktere so lebensecht und die Erzählung auf eine angenehme Weise bodenständig. Sein Schreibstil ist klar, mit einer Prise feinem Humor gespickt und ohne Ballast – man liest flüssig und wird immer wieder überrascht von kleinen Momenten, die echtes Fingerspitzengefühl zeigen. Besonders gut gefallen hat mir, wie er nicht einfach nur Familienprobleme aufzeigt, sondern ein Stück unserer westlichen Gesellschaft auf den Prüfstand stellt, die mit ihrem eigenen Sinnverlust kämpft.
Kritisch anmerken würde ich, dass manche Handlungsstränge etwas zu sehr zueinanderfinden wollen, fast wie ein großes Puzzle, bei dem nicht jedes Teil auf Anhieb perfekt sitzt. Das nimmt dem Buch aber kaum die Energie, vor allem für die, die sich gern mit emotionalen Familiengeschichten auseinandersetzen. Kleine Längen schleichen sich gelegentlich ein, doch die Tiefe der Figuren und Oehmkes Erzählkunst fangen das locker wieder auf.
Wer gerne durch authentische Charaktere in ein emotionales Drama eintaucht, das nicht mit moralisch erhobenem Zeigefinger daherkommt, sondern mit viel Verständnis und einem Augenzwinkern, ist hier genau richtig. „Papenburg“ fühlt sich wie ein Gespräch mit alten Freunden an – ehrlich, hin und wieder unbequem, aber immer wertvoll.
4 von 5 Sternen – ein starker Roman für alle, die Lust auf eine nachdenkliche Familiengeschichte mit Tiefgang und Menschlichkeit haben.