Nacht unter Tag
Kritik
Kaum hat man „Nacht unter Tag“ aufgeschlagen, spürt man sofort diese kühle Schottland-Atmosphäre, die einen zwischen Nebel und dunklen Geheimnissen einhüllt. Val McDermid schafft es wieder einmal, einen Krimi zu zaubern, der nicht nur spannend ist, sondern auch richtig unter die Haut geht.
Im Zentrum steht DCI Karen Pirie, die sich diesmal mit einem besonders kniffligen Cold Case herumschlägt: Das Verschwinden von Mick Prentice vor über zwanzig Jahren. Klingt erstmal simpel, aber wehe, man gräbt tiefer! Die Geschichte verbindet geschickt zwei Vermisstenfälle aus völlig unterschiedlichen sozialen Welten – vom einfachen Bergarbeiter bis zum steinreichen Sir Brodie. Das führt zu einem dichten Netz aus Schweigen, Lügen und Abgründen, das einen förmlich in den Bann zieht.
Karen Pirie fühlt sich dabei alles andere als eine perfekte Heldin an, was die Figur so authentisch und sympathisch macht. Ihr realistisches Auftreten und ihre beharrliche Ermittlungsarbeit geben der Story einen angenehm bodenständigen Touch. McDermids Schreibstil ist schnörkellos und präzise, dabei schafft sie es trotzdem, die Emotionen ihrer Figuren lebendig werden zu lassen. Perfekt, wenn man sich abends auf der Couch verkriechen will und lieber mitfiebert, anstatt Ellenbogen zu lesen.
Und ja, klar, beim einen oder anderen Detail hätte ich mir ein bisschen mehr Tempo gewünscht – manchmal zieht es sich etwas, gerade bei Hintergrundinfos. Aber genau das ist auch ein Teil ihres Stils: nicht nur Unterhaltung, sondern tiefes Eintauchen in Charaktere und soziale Dynamiken. Also keine rasante Action, sondern ein atmosphärisch dichter Thriller, der nachhallt.
Alles in allem bekommt man mit „Nacht unter Tag“ eine clever konstruierte Geschichte mit Seele, die vor allem Fans von psychologisch angelegten Krimis richtig packt. Wer Lust auf einen nicht überladenen, aber doch komplexen Fall mit Ecken und Kanten hat, ist hier goldrichtig.
4 von 5 Sternen – ein starker, intelligenter Krimi, der trotz kleinerer Längen einfach Spaß macht.