Geschenkt
Kritik
Manchmal braucht es nur einen kleinen Funken, damit ein verstaubtes Leben plötzlich anfängt zu leuchten – genau das ist bei Gerold Plassek der Fall. In „Geschenkt“ von Daniel Glattauer trifft man auf einen Mann, der sich irgendwo zwischen Resignation und der Suche nach Sinn verheddert hat. Als Journalist einer Gratiszeitung, Dauergast der Stammkneipe und Dauertalent im Verschieben von Entscheidungen wirkt Gerold zunächst wie der Prototyp eines gescheiterten Erwachsenen. Doch dann löst eine anonyme Spende eine Kettenreaktion an Wohltaten aus, die nicht nur sein Leben, sondern auch das von Manuel, dem 14-jährigen Jungen, der heimlich sein Sohn ist, komplett verändern.
Was mich sofort gefangen genommen hat, ist die Mischung aus einer realistischen Alltagsgeschichte und einem Hauch von Hoffnung, der sich ganz langsam einschleicht. Glattauer bringt uns mit seinem locker-flüssigen, trotzdem treffend präzisen Schreibstil nah an die Figuren, ohne dabei ins Kitschige abzudriften. Gerade Gerold ist dabei unglaublich vielschichtig: Man möchte ihn manchmal schütteln, anfeuern oder einfach nur in den Arm nehmen. Manuel dagegen bringt ganz natürlich eine frische, ehrliche Perspektive in die Geschichte, die perfekt mit Gerolds Welt kollidiert – und genau das macht das Buch so lebendig.
Klar, die Entwicklung zieht sich manchmal ein bisschen, und an manchen Stellen hätte ich mir einen mutigeren Schnitt gewünscht. Ein bisschen knackiger an der einen oder anderen Stelle, und der Nervenkitzel wäre noch größer gewesen. Aber insgesamt bleibt das dann eben irgendwie charmant und gibt dem Buch seinen eigenen Rhythmus.
Wer Lust auf eine Berührung der Seele hat, ohne sich in übertriebenem Pathos zu verlieren, für den ist „Geschenkt“ genau richtig. Es ist kein lautstarker Bestseller, vielmehr eine stille, warmherzige Erinnerung daran, dass hinter den vermeintlich gescheiterten Leben oft viel mehr steckt, als man auf den ersten Blick sieht.
4 von 5 Sternen – ein gelungenes, emotionales Stück Literatur, das man gern empfiehlt und lange im Herzen behält.