Mittagsstunde
Kritik
Manchmal fühlt sich ein Buch wie eine kleine Reise nach Hause an – und „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen ist genau das. Schon nach den ersten Seiten spürt man diesen bittersüßen Mix aus Vertrautheit und Abschied, der sich durch die Geschichte zieht. Ingwer Feddersen, 49 Jahre alt, kehrt in sein norddeutsches Heimatdorf zurück, das langsam in sich zusammenzufallen scheint. Seine Großmutter verliert den Verstand, sein Großvater hält mit stoischer Hartnäckigkeit den Dorfkrug am Leben – und irgendwo in all dem schwebt die Frage: Was bleibt, wenn man alles Vertraute verliert?
Die Handlung bleibt dabei schön fokussiert und nimmt uns mit auf eine Zeitreise durch Veränderungen, die sich kaum aufhalten lassen. Hansen erzählt von Dorfgemeinschaften, die verschwinden, von großen Höfen und alten Wegen, die mit der Flurbereinigung und dem technischen Fortschritt einfach nicht mehr passen. Das macht das Buch zu einem treffenden Spiegel einer Gesellschaft im Umbruch, ohne sich schwerfällig oder belehrend anzufühlen.
Die Figuren sind wunderbar lebendig und vielschichtig, allen voran Ingwer, der zwischen Pflicht und eigener Sehnsucht hin- und hergerissen ist. Die Nebencharaktere – allen voran die Großeltern – wirken echt und authentisch, jeder mit seinen eigenen Geschichten und Konflikten. Dörte Hansens Schreibstil ist dabei luftig, leicht und trotzdem so präzise, dass man die kalte Luft und das raue Norddeutschland förmlich auf der Haut spüren kann. Man fühlt sich nicht nur als Beobachter, sondern fast als Teil des Dorfes, mitten drin statt nur dabei.
Einzig das Tempo ist manchmal etwas gemächlich, was nicht jedem gefallen mag – gerade wer sich nach mehr Action oder Spannung sehnt, könnte zwischendurch etwas durchhängen. Aber genau diese Entschleunigung sorgt auch für die besondere Atmosphäre und lässt viel Raum zum Nachdenken über Verlust, Heimat und Neubeginn.
Für alle, die Lust auf eine tiefgründige, einfühlsame Geschichte mit nordischem Flair haben, ist „Mittagsstunde“ ein Treffer. Kein Roman zum Durchhetzen, sondern zum Sackenlassen und Mitfühlen. Wer gerne Familiengeschichten mag, die gleichzeitig gesellschaftliche Umbrüche beleuchten, findet hier echtes Lesevergnügen.
4 von 5 Sternen – weil das Buch noch ein kleines bisschen mehr Drive vertragen hätte, es aber inhaltlich und emotional voll trifft. Ein Moment zum Innehalten, den man nicht so schnell vergisst.
Klappentext
Die Wolken hängen schwer über der Geest, als Ingwer Feddersen, 49, in sein Heimatdorf zurückkehrt. Er hat hier noch etwas gutzumachen. Großmutter Ella ist dabei, ihren Verstand zu verlieren, Großvater Sönke hält in seinem alten Dorfkrug stur die Stellung. Er hat die besten Zeiten hinter sich, genau wie das ganze Dorf. Wann hat dieser Niedergang begonnen? In den 1970ern, als nach der Flurbereinigung erst die Hecken und dann die Vögel verschwanden? Als die großen Höfe wuchsen und die kleinen starben? Als Ingwer zum Studium nach Kiel ging und den Alten mit dem Gasthof sitzen ließ? Mit großer Wärme erzählt Dörte Hansen vom Verschwinden einer bäuerlichen Welt, von Verlust, Abschied und von einem Neubeginn.
„Man kann sich als Vorleserin eigentlich niemanden anderen als Hannelore Hoger vorstellen." hr2 Hörbuchzeit über "Altes Land"