Jetzt beginnt das Leben
Kritik
Manchmal trifft einen ein Buch einfach unvermittelt – so ging es mir mit Jetzt beginnt das Leben von Alex Schulman. Schon die Idee, per Telefon in die eigene Vergangenheit zu tauchen, fand ich sofort spannend und irgendwie bittersüß. Vidar steht mitten im Chaos seines Lebens, ein großer Fehler in der Schule, familiäre Spannungen – und plötzlich öffnet sich ihm eine Tür zu einem längst vergessenen Tag seiner Kindheit. Dieses mysteriöse Klicken zwischen Vergangenheit und Gegenwart hat mich richtig gepackt.
Vidar als Hauptfigur ist keine klassische Heldenfigur, sondern eher ein Typ, der mit seinen Dämonen kämpft und sich nicht gleich perfekt gibt. Das macht ihn nahbar, authentisch – man fühlt mit ihm, auch wenn nicht alles rund läuft. Schulmans Schreibstil ist dabei erstaunlich unaufgeregt, fast klar und nüchtern, was den dramatischen Momenten eine besondere Intensität verleiht. Ich mochte es, wie er es schafft, ohne viel Schnickschnack eine dichte Atmosphäre zu erzeugen, die einen beim Lesen festhält. Die Rückkehr zu jenem 17. Juni 1986 ist wie ein Puzzle, das Stück für Stück zusammengesetzt wird – und das macht süchtig.
Klar, manchmal hätte ich mir ein wenig mehr Tempo gewünscht, einige Passagen ziehen sich etwas in die Länge, das wirkt dann fast ein bisschen zu bedacht für das eigentlich spannende Szenario. Auch das Mitfühlen mit Vidars Gegenwart schreit an manchen Stellen nach mehr emotionaler Wucht. Aber insgesamt hält das Buch die Balance zwischen Nachdenklichkeit und Spannung gut.
Wer auf der Suche nach einer ungewöhnlichen Story ist, die Kindheitserinnerungen, Familiengeheimnisse und persönliche Abgründe miteinander verbindet, für den lohnt sich das definitiv. Keine leichte Kost, aber sehr beeindruckend erzählt und mit einem Hauch von melancholischer Magie, die so schnell nicht verblasst.
Ich vergebe 4 von 5 Sternen – ein starkes, berührendes Buch, das man nicht so schnell aus der Hand legt. Perfekt für alle, die Geschichten mögen, die zum Nachdenken anregen und dabei trotzdem spannend bleiben.