Jeder für sich und Gott gegen alle (Ungekürzt)
Kritik
Schon die erste Seite von „Jeder für sich und Gott gegen alle“ zieht einen sofort in einen Strudel aus Abenteuer, Schmerz und unbändiger Lebenslust. Man spürt regelrecht Herzogs rastlose Seele zwischen den Zeilen, als würde man einem Wanderer zuhören, der nie stillsteht – weder körperlich noch im Kopf.
Die Geschichte ist kein klassischer Lebenslauf, sondern eher ein wildes, ehrliches Kaleidoskop aus Momentaufnahmen. Herzog nimmt uns mit auf seine Odyssee: Vom hungernden Kind im zerstörten München, über unzählige Strapazen beim Trampen bis hin zu legendären Filmarbeiten mit Klaus Kinski, die einem fast Gänsehaut bescheren. Faszinierend sind dabei nicht nur die Episoden selbst, sondern vor allem, wie der Autor sie erzählt – roh, unverblümt und mit diesem unverkennbaren Drang, die Welt zu verstehen und zu bezwingen. Man bekommt eine Hauptfigur präsentiert, die gleichzeitig verletzlich und unerschütterlich ist, mit einer Abenteuerlust, die ansteckend wirkt.
Was mich besonders gepackt hat, ist Herzogs Sprachstil: Kein pompöses Geschwurbel, sondern klare, kraftvolle Worte, die mit der Intensität seiner Erlebnisse harmonieren. Man fühlt sich mittendrin, fast als säße man am Lagerfeuer und lausche einer Geschichte, bei der man die Kälte des Winters und die Hitze der Wüstensonne fast auf der Haut spüren kann. Auch die Einblicke in seine Beziehungen, etwa zu Bruce Chatwin oder Lotte Eisner, geben der Erzählung eine menschliche Tiefe, die herzergreifend ist.
Klar, ein paar Stellen ziehen sich etwas, gerade wenn der Fokus auf technischen oder filmischen Details liegt, die nicht für jeden leicht zugänglich sind. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau – es schmälert den Gesamteindruck kaum, sondern zeigt eher, wie vielschichtig Herzog als Mensch und Künstler ist.
Unterm Strich ist „Jeder für sich und Gott gegen alle“ genau das, was man von Herzog erwartet: ein kraftvolles, ehrliches Manifest einer einzigartigen Lebensreise. Wer Lust hat auf eine Mischung aus wilder Expedition, filmischer Legende und tiefem Humanismus, liegt hier goldrichtig.
Ich vergebe 4 von 5 Sternen – weil das Buch beeindruckt, berührt und inspiriert, ohne dabei immer rund zu laufen, aber genau das macht es auch spannend. Wer sich darauf einlässt, bekommt eine Reise geschenkt, die man so schnell nicht vergisst.