Bückbürgertum
Kritik
Wer schon einmal das Gefühl hatte, dass es in der „bürgerlichen Mitte“ ordentlich rumort, wird bei „Bückbürgertum“ von Ulf Poschardt eine gehörige Portion Erleuchtung – und vielleicht auch Wut – finden. Poschardt richtet seinen spitzen Blick diesmal nicht auf die offensichtlichen „Shitbürger“, sondern auf die stillen Mitläufer der Gesellschaft: die sogenannten Bückbürger. Menschen, die trotz innerer Zweifel und Kritik fast alles mittragen, was ihnen von oben vorgesetzt wird, und so maßgeblich am Fortbestand mancher Fehlentwicklungen beteiligt sind.
Das Buch ist eine beißende, mitunter bitterböse Gesellschaftsanalyse, die von 1945 bis heute reicht. Dabei entfaltet Poschardt weniger eine trockene Historienstunde, sondern einen lebhaften und mit viel Witz gespickten Rundumschlag durch die Abgründe der bürgerlichen Selbstzufriedenheit. Die Figuren, ob konservative Politiker, Wirtschaftsmanager oder auch Intellektuelle, wirken fast wie Stellvertreter für ein kollektives Versagen, das uns alle ein Stück weit betrifft – und das auf überraschend persönliche Weise.
Der Stil? Klar, präzise – aber nie langweilig oder zu akademisch. Poschardt schafft es, schwere Themen zugänglich zu machen und dabei einen Ton zu treffen, der mal provokant, mal ironisch ist, ohne nach Beliebigkeit zu klingen. Man merkt, dass hier ein erfahrener Journalist am Werk ist, der mit spitzer Feder und scharfem Verstand schreibt. Besonders spannend fand ich, wie er vermeintlich banal wirkende Alltagsphänomene (ja, sogar weiße Turnschuhe und E-Autos!) als Symbole für gesellschaftliche Entwicklungen entlarvt.
Einziges Manko: Wer mit dem Begriff des „Shitbürgers“ und dem generellen Framing nicht so viel anfangen kann, könnte sich schnell abgehängt fühlen. Manchmal schießt Poschardt ein bisschen übers Ziel hinaus und wirkt dann ein wenig zu maßregelnd. Aber in der Summe ist das eher ein sympathisches kleines Stolpern auf einem sonst ziemlich glatten Parkett.
Für alle, die keine Lust auf weichgespülte, politisch korrekte Komfortlektüre haben, sondern Lust auf einen ehrlichen, scharfsinnigen Gesellschafts-Check mit einem guten Schuss Provokation – genau richtig. Ein Buch, das wachrüttelt und zum Nachdenken zwingt, ob man selbst nicht auch Teil des Problems ist.
Lohnt sich? Auf jeden Fall. 4 von 5 Sternen.
Klappentext
In diesem scharfsinnigen und provokanten Essay entlarvt Ulf Poschardt einen neuen Sozialcharakter, der unsere Gesellschaft prägt und lähmt: den „Shitbürger". Mit einer unheilvollen Mischung aus Anmaßung und Untertanengeist inszeniert sich der Shitbürger als moralisch überlegener Retter der Welt – verteidigt dabei jedoch vor allem seine eigenen Privilegien und Interessen.
Poschardt, einer der renommiertesten Journalisten Deutschlands, zeigt auf, wie der Shitbürger in den liberalen, saturierten Gesellschaften des Westens eine beispiellose „Hegemonie" errichtet hat. Diese habe nicht nur Institutionen wie Kultur, Medien und Wissenschaft durchdrungen, sondern Deutschland in eine tiefe Krise geführt – eine Krise, die nur durch radikale Selbstkritik und eine Rückbesinnung auf republikanische Tugenden überwunden werden kann.
Ein unverzichtbares Buch für alle, die den gesellschaftlichen Wandel unserer Zeit verstehen und die Mechanismen des Shitbürgertums durchschauen wollen. Provokant, analytisch und ein Weckruf zur Selbstreflexion.