Wenn dir das hier gefiel …
Meerglück, muschelweiß
Key Facts
Kritik
Schon beim ersten Kapitel fühlte sich die Luft nach Salz und warmem Tee an – ein Buch, das Einzug in die gute-Stube-Herzenszone hält und dabei nie kitschig wird.
Kristin führt die Pension Nordseestern auf Föhr mit ganzem Einsatz, schützt sich nach einem fiesen Ghosting hinter Mauern und Routinen. Als ihre Schwester am Ostseefjord erkrankt, fährt sie los, und ausgerechnet Ben, der Musiker mit Herz, begleitet sie als pragmatischer Ruhepol und heimlicher Wunschkandidat. Auf der kleinen Bühne zwischen Strandspaziergängen und Familienwirrwarr entwickelt sich etwas Zartes — aber nichts ist vorhersehbar, und die Insel hat noch Geheimnisse parat, die Kristins Vergangenheit an die Oberfläche bringen. Mehr will ich nicht verraten, versprochen.
Kristin ist eine Figur, bei der man sofort mitfühlt: robust, verletzlich, mit einem gesunden Schuss Selbstironie. Ben ist dieser Typ, der mit wenigen Worten mehr sagt als andere mit dramatischen Gesten — sympathisch und glaubwürdig. Die Nebenfiguren bringen Wärme und Chaos in gleichen Teilen, vor allem die Aushilfe in der Pension sorgt für minutenweise Lachen. Was mir besonders gefallen hat, ist die Balance aus Humor und Empathie: Stina Jensen & Hannah Juli schaffen es, ernste Themen wie Verlust und Angst vor Nähe leicht und doch ehrlich zu behandeln. Der Stil ist flüssig, detailverliebt bei der Schilderung von Küstengefühlen und gleichzeitig so unaufgeregt, dass man beim Lesen oft durchs Fenster aufs Wasser starren möchte.
Zwischen den Zeilen spürt man echtes Gespür für Zwischenmenschliches — die Dialoge sitzen, die Beschreibungen schmeicheln den Sinnen. Ich habe oft geschmunzelt und an den richtigen Stellen auch mit Kristin gelitten. Ein spontaner Gedanke beim Lesen: „Genau so will ich Urlaub zwischen den Seiten verbringen.“
Kritisch gesagt: An einigen Stellen wirken Wendungen ein bisschen bequem zusammengesetzt, und ein, zwei Nebenhandlungen hätten ruhig tiefer ausgeleuchtet werden können. Wer extrem plotgetriebene Romane mit Hochspannung erwartet, könnte die gemächliche, gefühlvolle Erzählweise als zu sanft empfinden. Aber das ist eher Jammern auf hohem Niveau.
Fazit: Ein herzerwärmender Küstenroman über Familie, Verzeihen und den Mut, wieder zu lieben — ideal für alle, die sich nach Wohlfühlatmosphäre sehnen, ohne sich in Kitsch zu verlieren. Sehr empfehlenswert für Leser:innen, die auf Gefühl, gute Figuren und salzige Luft stehen.
★★★★☆ (4/5)