Unterleuten
Kritik
Kaum hat man die ersten Seiten von „Unterleuten“ aufgeschlagen, spürt man sofort: Hier brodelt es unter der Idylle. Das beschauliche Dorf in Brandenburg wirkt auf den ersten Blick wie ein liebenswerter Flecken Erde, doch Juli Zeh zieht uns mit ihrem scharfen Blick direkt hinein in die Abgründe hinter der Fassade.
Im Zentrum steht ein Dorf, das sich zwischen Tradition, neuen Hoffnungen und alten Gräben hin- und hergerissen fühlt. Als eine Firma einen Windpark errichten will, setzen sich uralte Konflikte in Bewegung – plötzlich sind Nachbarschaften Rivalitäten und die gemütliche Ruhe verflogen. Die Hauptfiguren sind eine bunte Mischung aus schrulligen Originalen, idealistischen Stadtflüchtlingen und gerissenen Unternehmertypen. Was ich wirklich großartig fand, ist, wie Zeh jede Figur aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, fast wie durch ein Kaleidoskop eben – man glaubt, man kennt sie, doch ein kleiner Dreh und alles sieht anders aus. Dieser erzählerische Kniff fesselt enorm und macht das Buch zu einem intelligenten Gesellschaftsdrama mit Thriller-Elementen.
Der Schreibstil ist dabei jederzeit zugänglich, dabei aber nie oberflächlich. Juli Zeh schafft es, komplexe Themen wie Moral, Gemeinschaft und Eigeninteresse spannend und lebendig zu transportieren ohne belehrend zu wirken. Klar, manchmal schleicht sich eine leichte Überfrachtung mit Figuren ein – da verlor ich zwischendurch kurz den Überblick, aber das war nicht schlimm, eher ein Zeichen dafür, wie viel Leben in diesem Dorf steckt.
Wer also Lust hat auf einen Roman, der mehr ist als ein Dorfporträt, der gesellschaftliche Fragen aufwirft und trotzdem eine packende Geschichte erzählt, ist hier genau richtig. „Unterleuten“ ist nichts für schnelle Häppchen-Leser, sondern für alle, die tief eintauchen und dabei auch mal unangenehme Wahrheiten entdecken wollen.
Fazit: Ein kluges, scharf beobachtetes Gesellschaftspanorama mit Thriller-Feeling, das noch lange nachklingt – unbedingt reinschauen!
Bewertung: 4 von 5 Sternen
Klappentext
Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf „Unterleuten“ irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick darauf wirft, ist bezaubert von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den kleinen Häusern, die sich Stadtflüchtige aus Berlin gerne kaufen. Doch als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Kein Wunder, dass schon wenige Tage später im Dorf die Hölle los ist …
Mit "Unterleuten" hat Juli Zeh einen großen Gesellschaftsroman über die wichtigen Fragen unserer Zeit geschrieben, der hochspannend wie ein Thriller ist. Gibt es im 21. Jahrhundert noch eine Moral jenseits des Eigeninteresses? Woran glauben wir? Und wie kommt es, dass immer alle nur das Beste wollen, und am Ende trotzdem Schreckliches passiert?
(Laufzeit: 15h 23)