Herr Lehmann - Der Herr Lehmann-Kosmos, Band 1 (Ungekürzt)
Kritik
Kaum hat man sich in Herr Lehmanns Welt eingelebt, schon fühlt man sich ein klein wenig wie der beste Freund, der einfach immer wieder gern zuhört – oder mit ihm noch schnell auf ein Bier geht. Sven Regener gelingt es mit einer wundervollen Leichtigkeit, die skurrilen Momente des Berliner Alltags 1989 einzufangen, ohne pathetisch oder überkandidelt zu wirken. Herr Lehmann, dieses ambivalente Wesen zwischen Trägheit und Überlebenskünstler, durchlebt ein Jahr voller unerwarteter Störungen, die seine Wohlfühlrutinen mächtig durcheinanderwirbeln. Die Handlung bleibt dabei angenehm bodenständig: Kein Superhelden-Drama, sondern eher ein Blick hinter die verschlossenen Türen der Kneipen, Wohnungen und Gedanken eines Mannes, der trotz aller Ambitionslosigkeit unbedingt sympathisch bleibt.
Was den Charme des Buchs ausmacht? Definitiv der Sprachwitz und Regener’s Gespür für die kleinen, oft übersehenen Dramen des Alltags – das zieht sich durch jede Zeile. Herr Lehmann ist verblüffend echt, mit all seinen kleinen Kapriolen und Ausweichmanövern, die ihm das Leben irgendwie erträglich machen. Der Erzählstil ist locker-flockig, immer wieder mit trockenem Humor gewürzt, der einem mitunter ein breites Grinsen aufs Gesicht zaubert. Man merkt einfach, dass hier jemand seine Figuren ganz genau kennt und ganz liebevoll beschreibt.
Kritisch betrachtet, fällt die Story manchmal ein bisschen gemächlich aus – wer auf Action scharf ist, könnte sich zwischendurch ein paar mehr Höhepunkte wünschen. Auch die starke Fokussierung auf die 1980er-Kiez-Szene ist natürlich Geschmackssache – wer damit nichts anfangen kann, wird womöglich nicht sofort warm mit Lehmann und Co. Doch gerade dieser lokale Flair macht den Reiz des Buchs aus und katapultiert den Leser mitten ins Berliner Leben.
Wenn ihr Lust auf eine charmante, leicht melancholische Geschichte mit viel Witz und einem Protagonisten habt, der nicht unbedingt ein Held sein will, dann seid ihr hier goldrichtig. „Herr Lehmann“ ist wie ein entspannter Abend in der Stammkneipe: vertraut, voller Anekdoten und mit genau dem richtigen Maß an Chaos.
4 von 5 Sternen – weil Herr Lehmann einfach ein Typ ist, mit dem man gern eine Runde dreht.