Herr Lehmann
Kritik
Man öffnet „Herr Lehmann“ und taucht direkt ein in das Berlin der 80er – rau, chaotisch und irgendwie charmant verqueren Alltag. Sven Regener erzählt die Geschichte von Frank, der eigentlich Frank heißt, aber keiner nennt ihn so, weil man in Kreuzberg eben seine eigenen Regeln hat. Der kurz bevorstehende dreißigste Geburtstag wirft bei ihm die großen Fragen auf: Was bedeutet das eigentlich, diese ominöse „gute alte Zeit“ zu haben? Und wie lebt man zwischen den Wirren einer Stadt, die selbst so viel Vergangenheit und Rebellion mit sich bringt?
Was mich besonders gepackt hat, ist diese lakonische Art von Herrn Lehmann. Er beobachtet, kommentiert, nervt und macht sich irgendwie dennoch selbst nicht allzu ernst – das macht seine Figur echt nahbar und „Herr Lehmann“ zur unterhaltsamen Zeitreise. Regener versteht es, den Sound Berlins so lebendig werden zu lassen, dass man die verrauchten Bars riechen und die sarkastischen Dialoge fast hören kann. Die Mischung aus Tragik und Komik ist so gelungen, dass man immer wieder schmunzelt, aber auch mal innehalten und nachdenken möchte.
Ein kleiner Wermutstropfen: Wer auf bombastische Handlung oder große Wendungen hofft, wird eher enttäuscht sein. Die Story lebt vom Setting, den Momentaufnahmen und dem zwischenmenschlichen Chaos – das ist Geschmackssache. Der Hörspiel-Charakter kann für Ungeübte manchmal etwas sprunghaft wirken, aber genau das verleiht auch Dynamik.
Fazit: „Herr Lehmann“ ist genau das Richtige für alle, die mal ein bisschen Berliner Schnauze schnuppern wollen, ohne sich in zu viel Drama zu verlieren. Wer Lust auf kurzweilige, intelligente Unterhaltung mit einer Prise Melancholie hat, sollte definitiv reinhören. Ich vergebe 4 von 5 Sternen – weil das Berlin der 80er eben einfach nicht perfekt sein kann, aber verdammt nah dran.
Klappentext
Sven Stricker gelingt mit diesem Hörspiel der fulminante akustische Entwurf von Sven Regeners Berlin der 80er Jahre. Mit allem, was dazu gehört: Tragik, Komik und dazwischen ein lakonischer Herr Lehmann.
(Laufzeit: 1h 57)