1999 Meter über dem Meer (Ungekürzte Lesung)
Kritik
Manchmal ist es genau dieses Gefühl von Aufbruch und Ungewissheit, das einen packt, wenn man Caroline Wahls „1999 Meter über dem Meer“ hört – und das macht den Einstieg in die ungekürzte Lesung sofort spannend und sehr nahbar. Samara verabschiedet sich von ihrem bisherigen Leben wie viele von uns es sich heimlich wünschen: raus aus dem Trott, rein ins Abenteuer. Ein cooler Roadtrip mit Farbe an den Haaren und dem Kopf voller Fragen über Freiheit und Identität.
Worum geht’s? Samara will einfach nicht mehr das Leben leben, das andere von ihr erwarten. Die hippe Berliner Agentur ist nur noch grauer Alltag, der Drang führt sie mit ihrem knallroten Auto Richtung St. Moritz. Dort trifft sie auf eine Welt voller Reichtum, schicker Parties und Menschen, die scheinbar wissen, wer sie sind – im Gegensatz zu Samara, die längst mehr als eine Identität angenommen hat, aber immer noch nicht zur Ruhe kommt. Caroline Wahl schafft es meisterhaft, diesen Zwiespalt von Freiheit und Sehnsucht nach Zugehörigkeit zu erzählen, ohne dass die Story dabei pathetisch klingt.
Samara ist eine Figur, die einem ans Herz wächst, obwohl sie ganz sicher nicht perfekt ist. Sie sucht, verliert sich, will alles und nichts zugleich und sorgt so für ehrlich erzählte Emotionen – das macht sie als Protagonistin echt lebendig. Die Mischung aus Roadtrip-Vibes, Selbstfindung und der coolen Alpenkulisse gibt der Geschichte einen ganz eigenen Drive. Der Schreibstil ist dabei locker-flockig und doch pointiert; Man fliegt förmlich mit ihr durch die Kapitelsprünge, fühlt die Höhen und Tiefen mit, ohne dass es schwerfällig oder überladen wirkt. Dabei hilft auch die ungekürzte Lesung, die der Stimme von Samara genau die Nuancen verleiht, die pure Authentizität erzeugen.
Ein kleiner Kritikpunkt? Manche Nebenfiguren bleiben etwas blass, was bei einer so starken Hauptfigur aber auch nicht weiter wundert. Und ja, hier und da hätte die Story vielleicht noch einen Tick mehr Tiefe vertragen können, gerade gegen Ende hätte ich mir noch mehr Reflexion gewünscht. Aber das schmälert den Spaß kaum, denn die emotionale Reise steht klar im Vordergrund.
Wer also Lust auf einen Roadtrip durch die Höhen und Tiefen eines Lebensgefühls hat, Lust auf Charaktere, die nicht perfekt, sondern echt sind, und wer sich gerne treiben lässt von einem poetisch-leichten Stil mit Tiefgang, der ist bei „1999 Meter über dem Meer“ richtig. Ein Buch für alle, die sich fragen: Was will ich eigentlich wirklich – und ob das vielleicht noch viel mehr ist als Freiheit allein.
4 von 5 Sternen – eine erfrischend charmante und ehrliche Geschichte, die Mut macht, sich selbst auf die Spur zu kommen.
Klappentext
Der Selbstfindungstrip nach Bali? Samara hat niemanden gefunden. Die hippe Agentur in Berlin-Mitte? So öde wie irgendein anderer Job.
Samara weiß, was sie alles nicht mehr will. Aber was sie will, das weiß Samara nicht, und sie weiß noch nicht einmal, ob das schlecht ist. Jetzt hat sie knallorange gefärbte Haare, einen schönen alten Wagen und an jedem Ort, an dem sie ankommt, einen neuen Namen. Und aufwärts soll es gehen, also richtig nach oben, nach St. Moritz in den Schweizer Hochalpen. Da kommt ein schöner Mann her, den Samara mal kennengelernt hat. Überhaupt gibt es viele schöne und reiche Menschen in St. Moritz, sehr reiche Menschen - mittendrin Samara, die jetzt nicht mehr Samara heißt. Und keine Hochstaplerin ist, sondern erfolgreiche Künstlerin.
Aber je besser es läuft für die Frau mit den vielen Identitäten, desto deutlicher merkt Samara, dass ihr noch mehr fehlt als schrankenlose Freiheit ...
Samara - Bekannt aus Caroline Wahls Romanen 22 Bahnen und Windstärke 17.
Covermotiv: 2. Internationale St. Moritzer Automobilwoche, 1930. © Karl Bickel/Karl Bickel-Stiftung, Walenstadt