Alles Liebe (Ungekürzt)
Kritik
Manchmal packt dich ein Buch sofort bei der Hand und wirft dich mitten rein in ein Meer aus Gefühlen, das zwischen Schmerz, Hoffnung und herzzerreißenden Momenten schwankt – „Alles Liebe“ von Ronja von Rönne ist genau so ein Roman. Hier geht es nicht um eine einfache Liebesgeschichte, sondern um das komplexe Geflecht aus Liebe, Lüge, Opfer- und Täterrollen, in dem jede Figur auf ihre ganz eigene, manchmal schräge Weise kämpft.
Laura hat so früh gelernt, mit Mitleid zu jonglieren, dass man fast vergisst, was echte Gefühle sein könnten. Barbara lebt in einer Welt voller Versandhauskataloge und einem Mann, der nur in ihrer Vorstellung existiert – skurril und doch so traurig echt. Heike steckt seit Jahrzehnten in einem fremden Haus fest, träumt von einem Garten, den sie nie besitzen wird, während Christina mit ihrer Kunst versucht, eine Welt zu schaffen, die erträglich ist. Diese Frauen sind keine Heldinnen im klassischen Sinn, sondern verletzlich, widersprüchlich und absolut greifbar. Von Rönnes Sprache trifft dabei genau den Nerv: Klar, manchmal scharf und selbstironisch, mit einem melancholischen Unterton, der sich tief ins Herz gräbt, ohne dabei ins Kitschige abzudriften.
Was mir besonders gefallen hat, ist die Fähigkeit der Autorin, die Grenzen von „richtig“ und „falsch“ so unaufgeregt und doch so präzise auszuleuchten. Man lacht, schluckt und denkt nach – alles gleichzeitig. Allerdings kann der Fokus auf vier sehr unterschiedliche Lebenswege den Lesefluss stellenweise etwas fragmentarisch wirken lassen. Für Fans linearer Erzählungen vielleicht ein kleiner Stolperstein.
Wer auf der Suche nach einem Roman ist, der nicht nur unterhält, sondern auch ein Stück weit unter die Haut geht und zum Nachdenken anregt, der sollte „Alles Liebe“ definitiv eine Chance geben. Es ist kein Buch zum Weglegen, wenn die erste Träne oder ein leiser Lacher einmal sitzt.
Vier von fünf Sternen – weil es ehrlich ist, unbequem und eben liebevoll schroff zugleich. Ein Roman, der dir zeigt: Liebe kann genauso verletzen wie heilen.