Judith und Hamnet
Kritik
Manchmal kommt ein Buch daher, das dich auf unerwartete Weise packt – genau so ging es mir mit „Judith und Hamnet“. Maggie O'Farrell schickt uns mitten hinein in ein halbes Jahr voller Leben, Liebe und Verlust im England des 16. Jahrhunderts und zeigt dabei einen Shakespeare, den man so noch nie gesehen hat: als jungen Mann, Ehemann und Vater. Doch eigentlich spielt die Geschichte vor allem um Agnes, seine Frau, deren Stärke und Zartheit gleichermaßen berühren.
Die Handlung dreht sich um das unerschütterliche Band zwischen Agnes, William Shakespeare und ihren Zwillingen Judith und Hamnet – ein Einblick, der mit der düsteren Ahnung einer nahenden Tragödie verwoben wird. Dabei ist es kein klassischer historischer Roman mit allzu viel Staub auf den Seiten, sondern ein emotionales Porträt, das durch den lebensnahen Blick auf die Figuren besticht. Man fühlt die Wärme ebenso wie das Flirren von Angst und Hoffnung in jeder Zeile.
Agnes ist ein echtes Juwel unter den Hauptfiguren – eigensinnig, klug und voller Leben. Gerade ihre Perspektive verleiht der Geschichte eine ganz eigene Tiefe: Hier geht es nicht nur um den berühmten Dichter, sondern um die Menschen, die ihn umgeben und prägen. Der Schreibstil von O'Farrell ist dabei ein echter Genuss: flüssig, einfühlsam und immer so, dass man nie das Gefühl hat, mit historischen Fakten erschlagen zu werden. Ganz im Gegenteil – man liest und liest, hätte gerne noch mehr.
Klar, ab und zu hätte ich mir ein bisschen mehr Tempo gewünscht. Die ruhigen Passagen sind kunstvoll, aber manchmal zogen sie sich für meinen Geschmack etwas. Und ganz ehrlich: Wer mega schnelle Warteschleifen liebt, wird hier nicht komplett glücklich. Aber das mindert den Zauber kaum, den das Buch entfaltet.
Insgesamt ist „Judith und Hamnet“ ein wunderschöner Roman für alle, die sich gern in gefühlvolle, intensive Geschichten vertiefen und dabei einen bekannten Teil der Geschichte aus einer neuen, sehr menschlichen Perspektive erleben wollen. Ein Buch, das man nicht so leicht wieder vergisst.
4 von 5 Sternen – faszinierend, berührend, mit kleinen Abzügen, aber ganz klar eine Leseempfehlung.