Ein Sommer in Niendorf (Ungekürzt)
Kritik
Schon beim ersten Eintauchen in „Ein Sommer in Niendorf“ fühlt sich diese Geschichte an wie ein lauwarmer Sommertag am Meer – vertraut, ein bisschen mühsam, aber auf seltsame Weise fesselnd. Heinz Strunk schickt seinen Protagonisten Roth auf eine Auszeit, die eher in ein skurriles Drama aus Banalität und unerwarteter Menschlichkeit entgleist.
Im Zentrum steht Roth, ein Jurist und Schriftsteller, der eigentlich ein entscheidendes Buch schreiben will – eine Familienabrechnung, sozusagen. Stattdessen verheddert er sich in der gemütlich-öden Atmosphäre des Ostseeortes Niendorf, wo ein omnipräsenter Strandkorbverleiher mit seiner Spirituosen-Ecke das Geschehen bestimmt. Dieser Typ könnte glatt der heimliche Star sein – trotz seiner scheinbar penetranten Banaliät hat er eine unheimlich dämonische Aura, die das Buch mit einer unterschwelligen Spannung versieht. Die Freundin des Schnapshändlers komplettiert das ungleiche Trio, das eine merkwürdige Gemeinschaft bildet, die sich immer mehr zur unerschütterlichen Notwendigkeit entwickelt.
Was richtig gut funktioniert, ist Strunks trockener, fast beiläufiger Humor – nichts wirkt erzwungen oder übertrieben, sondern alltäglich skurril und irgendwie ehrlich. Seine Charaktere sind eigenwillig genug, um zu nerven, aber gerade deshalb fühlt man sich ihnen nah. Roths Suche nach Sinn und seine langsame Verlorenheit sind wunderbar nuanciert beschrieben, sodass man trotz des oft trägen Tempos am Ball bleibt.
Klar, das Buch ist manchmal ein bisschen zäh – es gibt Phasen, in denen die Handlung nur schleppend vorangeht und man sich fragt, ob dieses ständige Rumhängen am Meer wirklich so spannend sein soll. Aber genau das macht ja auch den Charme aus: Es ist kein spritziger Sommerroman, sondern eine eher geduldige Erkundung alltäglicher Beziehungs- und Lebenskrisen.
Wenn ihr Lust habt auf eine Geschichte, die weniger mit Action als mit Charakteren und Atmosphäre punktet, sich Zeit nimmt für die kleinen Momente und dabei mit feinem Witz und einer Prise Melancholie überzeugt, dann seid ihr hier richtig. Wer schnelle Unterhaltung sucht, wird wahrscheinlich eher durchhängen.
4 von 5 Sternen – für einen Sommerroman, der sich häufig Zeit lässt, aber dafür umso ehrlicher und eigensinniger ist. Ein kleines literarisches Strandkorb-Abenteuer, das man so schnell nicht vergisst.