Alle sind so ernst geworden
Kritik
Manchmal fühlt sich das Leben einfach so an, als wären alle plötzlich in eine ernste Blase eingetaucht – und genau da setzt „Alle sind so ernst geworden“ an. Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre lassen uns an einem besonders lebendigen und überraschenden Dialog teilhaben, der mit so viel Witz, Tiefgang und einer ordentlichen Portion Charme um die Ecke kommt, dass man fast vergisst, dass man „nur“ ein Buch liest.
Im Mittelpunkt stehen – bzw. sitzen – die beiden Autoren, die sich über all die kleinen und großen Dinge des Lebens unterhalten: von Badehosen und Glitzer bis hin zu Gott, LSD und Ibiza. Klingt wild, oder? Ist es auch! Und genau das macht den Reiz aus. Die Gespräche sind locker, ehrlich und irgendwie nahbar, weil sie ganz ohne großes Drama oder künstliche Dramatik ablaufen. Man bekommt das Gefühl, einfach an einem gemütlichen Abend dabei zu sein, wenn sich zwei Menschen mit ganz unterschiedlichen Blickwinkeln über das Heute und Gestern austauschen.
Die Figuren? Naja, mehr als sich selbst sind Suter und von Stuckrad-Barre hier nicht, und gerade das macht das Ganze besonders. Man merkt, dass da zwei Köpfe aufeinandertreffen, die sich nicht nur gut kennen, sondern auch den Spaß an der gemeinsamen Unterhaltung nie verlieren. Ihr Stil ist dabei ein herrliches Durcheinander: mal philosophisch, mal komplett albern, oft sehr ehrlich – das ist keine starre Erzählung, sondern eher ein lebendiges Miteinander, das Spaß macht und zum Nachdenken anregt.
Was mir besonders gefallen hat: Die unfassbare Leichtigkeit, mit der tiefgründige Themen verpackt wurden, ohne in Phrasen zu verfallen. Und dieser kleine Film im Kopf, den man beim Lesen hat, weil die Dialoge so bildhaft und echt wirken. Gleichzeitig hatte ich aber manchmal den Eindruck, dass das ein oder andere Thema mehr Tiefe hätte vertragen können – es bleibt oft bei der Oberfläche und schwebt ein bisschen zu sehr im „coolen Plauderton“. Wer also auf durchstrukturierte Geschichten oder klare Handlungsbögen steht, könnte damit hadern.
Kurzum: „Alle sind so ernst geworden“ ist genau das Richtige, wenn ihr Lust auf ein unkonventionelles, lebendiges Gespräch zweier kluger Köpfe habt, das euch zwischen Lachsalven und überraschenden Einsichten mal kurz aus dem Alltag katapultiert. Kein Roman, eher ein kleines Lebensgefühl in Buchform. Für alle, die gern querdenken und das Leben nicht zu ernst nehmen wollen, definitiv ein cooler Fund.
4 von 5 Sternen – weil das Buch eine erfrischende Auszeit bietet, auch wenn es nicht in jedem Moment zündet. Aber hey, so wie im echten Leben eben.