Am Himmel die Flüsse (Ungekürzte Lesung)
Kritik
Schon zu Beginn dieser ungekürzten Lesung fühlte ich mich mitten hineinversetzt in eine Welt, in der Vergangenheit und Gegenwart auf unaufdringliche, aber kraftvolle Weise miteinander verwoben sind. „Am Himmel die Flüsse“ nimmt uns mit auf eine Reise, die sowohl berührend als auch nachdenklich macht – und das ganz ohne aufgeblasen zu wirken.
Im Zentrum steht Narin, ein neunjähriges Mädchen aus einem ezidischen Dorf am Tigris, das vor der Zerstörung seiner Heimat durch ein Dammbauprojekt steht. Die Geschichte entfaltet sich sanft um ihre Großmutter, die fest entschlossen ist, Narin im heiligen Lalisch-Tal taufen zu lassen – einem Ort voller Bedeutung und Hoffnung. Parallel dazu lernen wir Arthur kennen, einen Jungen aus dem viktorianischen London, dessen Schicksal und Geheimnisse sich unerwartet mit Narins Geschichte verweben. Was mir besonders gefallen hat: Shafak schafft es, ohne viel Kitsch oder Drama, tiefgründige Themen wie Vertreibung, Erinnerung und Identität zugänglich zu machen.
Die Figuren sind wunderbar gezeichnet – Narin mit ihrer kindlichen Neugier und Verletzlichkeit, die Großmutter mit ihrer leisen Stärke. Und dann ist da noch die Stimme von Pegah Ferydoni, die dem Hörbuch eine warme, fast schon vertraute Tonalität verleiht. So fühlt man sich beim Zuhören nicht nur gut unterhalten, sondern ernst genommen.
Klar, manchmal zieht sich die Erzählung an Stellen etwas, und wer es eher temporeich mag, könnte hier ein wenig Geduld mitbringen müssen. Aber diese kleinen Wermutstropfen trüben das Gesamtbild kaum.
Fazit: Wer Lust auf eine vielschichtige, gefühlvolle Geschichte hat, die von echten Menschen und der Kraft, trotz allem weiterzugehen, erzählt, ist bei „Am Himmel die Flüsse“ genau richtig. Eine Empfehlung für alle, die beim Lesen gerne auch mal innehalten und nachdenken möchten.
4 von 5 Sternen.