Seltsame Sally Diamond
Kritik
Manchmal stolpert man über ein Buch, das einen regelrecht packt, obwohl man nicht genau weiß, was einen erwartet – so erging es mir mit „Seltsame Sally Diamond“ von Liz Nugent. Die Geschichte lässt einen nicht los, weil man unbedingt verstehen will, was hinter Sallys merkwürdigem Verhalten steckt und warum die Welt um sie herum plötzlich so unheimlich wird.
Im Kern geht es um Sally, eine Frau, die lange wie ein Schatten gelebt hat – zurückgezogen, fast unsichtbar – bis eine unheilvolle Stimme aus ihrer Vergangenheit sie einholt und sie mit ungelösten Geheimnissen konfrontiert. Während sie langsam die Schrecken ihrer Kindheit freilegt, öffnet sich für Sally auch eine ganz neue Welt voller Freundschaften, zwielichtiger Nachbarn und verstörender Enthüllungen. Das Ganze ist ein Psychothriller, der geschickt mit der Frage spielt, wie treu man Erinnerungen und Menschen wirklich sein kann.
Liz Nugents Schreibstil fühlt sich so an, als würde man direkt neben Sally stehen, ihre Unsicherheit spüren und mit jeder Seite tiefer in ihren verworrenen Geist eintauchen. Besonders gelungen finde ich die Charakterzeichnung: Sally ist keine perfekte Heldin, eher eine gebrochene Protagonistin, die man trotzdem nicht aus dem Blick verlieren will. Die Geschichte schafft es, dass man ständig miträtselt und sich gleichzeitig emotional abholt – selten so mitfiebernd ein Buch gelesen.
Ein kleiner Wehrmutstropfen: An manchen Stellen hätte ich mir noch mehr Tempo gewünscht, einige Passagen ziehen sich gefühlt ein wenig. Manchmal verliert sich die Story in Details, die für den Gesamteindruck nicht zwingend nötig sind. Aber das fällt nur auf, wenn man absolut nichts an gut erzählten Psychothrillern mag.
Wer also Lust auf einen packenden, intelligenten Thriller hat, der in die Abgründe menschlicher Psyche blickt und dabei erstaunlich nahbar bleibt, macht mit Sally und Liz Nugent definitiv nichts verkehrt. Ein Thriller, der nicht nur nerven, sondern auch nachdenklich machen will.
4 von 5 Sternen – spannend, tiefgründig und ein bisschen unheimlich zum Festhalten.