Memories of Heidelberg (Ungekürzt)
Kritik
Irgendwie zieht einen „Memories of Heidelberg“ sofort mitten rein in die morbide Stimmung eines verglühenden Paares, das noch verzweifelt versucht, seinen Glanz zu retten. Bertram und Isolde reisen in den Frühling der Kurpfalz, um der grauen Routine ihrer Ehe zu entkommen – doch das romantische Ambiente entpuppt sich schnell als trügerisch. Statt Erholung gibt’s jede Menge Bruchstellen, Enttäuschungen und eine gehörige Portion seelischen Smog.
Was Heinz Strunk hier abliefert, ist kein Wohlfühltrip, sondern eher ein schonungsloses Porträt einer Beziehung auf der Kippe. Die Figuren sind keine strahlenden Helden, sondern wunderbar unperfekte Menschen, bei denen man Zwischentöne spürt – einerseits Mitleid, andererseits kleine Momente, die zum Schmunzeln bringen. Bertram und Isolde sind so lebensecht, dass man sie irgendwie kennt, oder wenigstens jemanden, der ihnen ähnelt. Der wiederkehrende Gang zum Restaurantschiff auf dem Neckar wird dabei zum Symbol für das Vergebliche in ihrem Versuch, etwas zu retten, was vielleicht schon lange verloren ist.
Strunks Schreibstil trifft genau den richtigen Ton: locker, schnörkellos und mit trockenen Passagen, die noch lange nachklingen. Die Mischung aus bitterem Humor und Nachdenklichkeit ergibt eine Art melancholische Roadmovie-Atmosphäre, die man nicht einfach ausklickt. Das Einzige, was ich vermisst habe, war manchmal ein bisschen mehr Tempo – manches zieht sich ein wenig, und die ewige Wiederholung des Songs im Hinterkopf wirkt stellenweise fast schon zu quälend.
Wer gerne literarische Nahaufnahmen von Beziehungen liest, die nicht romantisiert, sondern ehrlich und mit feiner Ironie erzählt werden, findet hier ein ziemlich gutes Buch. Realismus gepaart mit subtiler Komik – genau das macht „Memories of Heidelberg“ besonders.
Kurz gesagt: Wer Lust auf eine tiefgründige, manchmal etwas schmerzhafte, aber sehr authentische Lektüre hat, bei der man mehr fühlt als nur liest, sollte zugreifen. Für alle Romantikfans, die Zuckerwatte wünschen, ist das eher nichts.
4 von 5 Sternen – weil das Kopfkino sitzt, die Figuren knallen, aber der Schlager im Ohr auch mich zum Kopfschütteln gebracht hat.