Windstärke 17
Kritik
Manchmal braucht es einen richtig heftigen Windstoß, um die innere Sturmschleuse zu öffnen – genau das spürt man in „Windstärke 17“ von Caroline Wahl von der ersten Seite an. Die Geschichte von Ida zieht dich direkt rein, weil sie so nahbar und verletzlich wirkt, dass man fast vergisst, ein Buch zu lesen. Ida lässt ihr altes Leben hinter sich, mit nichts als einem verbeulten Koffer und einem wilden Gefühlschaos im Gepäck, und landet ziemlich zufällig auf Rügen – einem Ort, der für sie am Anfang ebenso fremd wirkt wie ihre Zukunft.
Die Handlung ist dabei weniger grandios dramatisch, sondern eher eine bewegende Reise durch Trauer, Schuld und das vorsichtige Zurückfinden ins Leben. Es geht nicht darum, warum Ida genau geflohen ist, sondern wie sie Stück für Stück wieder Vertrauen fasst – in Menschen wie Knut und Marianne, und auch in sich selbst. Besonders gut gefallen hat mir, wie unaufgeregt Caroline Wahl die Figuren zeichnet: Keine perfekten Helden, sondern Menschen mit Ecken und Kanten, die miteinander ganz echte Momente teilen – egal ob beim täglichen Frühstück mit Aufbackbrötchen oder kleinen Kartenspielen. Der Schreibstil ist locker, fast beiläufig, dabei aber atmosphärisch dicht und genau richtig, um ohne Pathos durch Idas Gefühlswelten zu navigieren.
Klar, manche Passagen ziehen sich ein bisschen und hätten dem Tempo gutgetan, wenn sie etwas knackiger gehalten wären. Auch die eine oder andere Wendung wirkt ein Tick vorhersehbar, aber nichts, was den Lesefluss ernsthaft stört. Insgesamt wirkt „Windstärke 17“ sehr authentisch und ehrlich – ein Buch, das eher mit leisen Tönen überzeugt als mit großen Gesten.
Wenn du Lust hast auf eine Geschichte, die nicht mit Schwarz-Weiß-Malerei daherkommt, sondern das Leben in all seinen Grautönen zeigt, dann ist das hier ein richtig guter Griff. Für alle, die gerne mal tief eintauchen und sich zugleich auch ein bisschen treiben lassen wollen – genau wie Ida auf ihrer Insel.
4 von 5 Sternen. Ein warmherziger Roman, der zeigt, dass es auch nach dem schweren Sturm weitergeht.