Fünf, sechs, sieben, acht
Kritik
Wer hätte gedacht, dass ein gut gealterter Stepptänzer so viele Gefühle in Bewegung setzen kann? „Fünf, sechs, sieben, acht“ von Ewald Arenz ist eine wunderbare Geschichte über das Älterwerden, unerfüllte Träume und die Komplexität von Familie – ganz ohne Kitsch, aber mit viel Herz.
Im Mittelpunkt steht Anton, der mit seinen 60 Jahren noch immer den Rhythmus im Blut hat, obwohl die Geschwindigkeit nicht mehr die gleiche ist. Als ihm die Choreografenstelle vor der Nase weggeschnappt wird – ausgerechnet von seiner Tochter Emma – gerät nicht nur sein Stolz ins Wanken, sondern auch seine Selbstwahrnehmung. Das bringt ihn dazu, sich seiner Vergangenheit zu stellen, einer alten Liebe nachzuspüren und eine Reise anzutreten, die vieles in ihm und zwischen den beiden neu ins Rollen bringt. Es ist ein feiner Balanceakt aus Verletzlichkeit und Stillstand, der durch die lebendig gezeichneten Figuren richtig lebendig wird.
Anton und Emma sind keine perfekten Menschen, das macht sie so nahbar. Arenz’ Schreibstil ist flüssig, mit leichtfüßigen Dialogen und einer Wärme, die einen sofort in die kleinen und großen Konflikte eintauchen lässt. Ich habe mich oft dabei erwischt, wie ich schmunzeln musste oder kurz freudig aufatmte – ja, so fühlt sich eine echte Familiengeschichte an. Die wechselnden Perspektiven geben dem Ganzen dabei eine schöne Tiefe.
Was mich ein wenig gestört hat: Manche Momente wirken fast zu rund, als hätte die Geschichte ein bisschen zu sehr den Fokus auf versöhnliche Botschaften gelegt und die Ecken und Kanten etwas geglättet. Ein bisschen mehr Biss und Unberechenbarkeit hätten dem Ganzen gutgetan. Dennoch bleibt das kein großer Wermutstropfen, denn die positive Stimmung und die Reflexion übers Leben haben mich wirklich mitgenommen.
Wenn ihr Lust auf eine warme, zugleich nachdenkliche Geschichte habt, die durch sympathische Charaktere und eine schöne Portion Authentizität besticht, dann legt „Fünf, sechs, sieben, acht“ ruhig mal auf eure Leseliste. Es ist kein Tanz auf der Stelle, sondern ein kraftvoller Schritt in die eigene Vergangenheit und Zukunft.
Meine Bewertung: 4 von 5 Sternen. Ein Buch, das in Erinnerung bleibt – und das, ohne die Füße stillzuhalten.