Das Licht in den Wellen - Die Gezeiten-Reihe, Band 1 (Ungekürzte Lesung)
Kritik
Kaum hat man den ersten Satz von „Das Licht in den Wellen“ gehört, fühlt man sich sofort auf die frische, raue Nordseeinsel Föhr versetzt – als würde man selbst die salzige Luft und den Wind auf der Haut spüren. Die Geschichte nimmt dich mit auf eine Reise, die vom beschaulichen Inselleben bis tief hinein in das pulsierende New York der 1950er Jahre führt. Im Mittelpunkt steht Inge Martensen, eine fast Hundertjährige, die zum großen Erstaunen aller einfach von ihrer eigenen Geburtstagsfeier verschwindet, um gemeinsam mit ihrer jungen Urenkelin Swantje ein letztes Mal Amerika zu entdecken. Dabei entfaltet sich eine Geschichte voller Mut, Sehnsucht und Geheimnisse, die zwei Generationen miteinander verbindet.
Inge ist eine faszinierende Figur: eine starke, eigenwillige Frau, deren Lebensweg alles andere als gewöhnlich ist. Ihr Blick zurück auf ein bewegtes Leben zwischen Tradition und Moderne, zwischen Heimat und Fremde, ist mit viel Herzblut erzählt. Swantje als Kontrastfigur bringt die frische, manchmal unsichere Perspektive der Jugend ein, was die Dialoge zwischen den beiden besonders lebendig macht. Janne Mommsens Erzählstil ist leicht und flüssig, dabei aber niemals oberflächlich. Die ungekürzte Lesung – mit all den kleinen Pausen, dem Körnchen Humor und den emotionalen Nuancen – war für mich genau das Richtige, um sich vollkommen auf die Geschichte einzulassen.
Was mir besonders gut gefallen hat: Die liebevolle Darstellung der Inselkultur und der Lebenskontraste, die durch Inges Erzählungen entstehen. Man spürt die Spannung zwischen den Welten, die sie durchquert hat, und wie das Alter manchmal Antworten auf Fragen bringt, die man das ganze Leben mit sich herumträgt. Einzige kleine Schwäche: An manchen Stellen hätte ich mir gewünscht, dass die Handlung ein bisschen mehr Tempo aufnimmt. Gerade in der Mitte zieht sich die Erzählung geradezu gemächlich dahin – perfekt, wenn man einfach entspannt zuhören will, aber nicht für alle, die es lieber knackig mögen.
Alles in allem ist „Das Licht in den Wellen“ ein warmherziger, berührender Einstieg in die Gezeiten-Reihe, der sowohl Fans von Familiengeschichten als auch Liebhaber:innen maritimer Romantik abholt. Wer auf starke Charaktere, emotionale Tiefe und eine Prise norddeutschen Flairs steht, sollte unbedingt reinhören. Für alle anderen könnte die gemächliche Erzählweise eine kleine Geschmacksfrage sein.
Ich vergebe 4 von 5 Sternen – eine klare Empfehlung für alle, die sich gern von einer gut erzählten, vielschichtigen Geschichte ums Herz greifen lassen.