Echo einer Winternacht
Kritik
Wenn das erste Aufeinandertreffen mit einer Geschichte dich sofort in eine klirrend kalte Winternacht in Schottland katapultiert, dann kannst du sicher sein: Hier wird Spannung großgeschrieben. Val McDermids „Echo einer Winternacht“ zieht dich mit eisiger Atmosphäre und einem altbekannten, aber nie langweiligen Thema in seinen Bann – dem Cold Case. DCI Karen Pirie bekommt es gleich mit einem Fall zu tun, der seit 25 Jahren knorrig in der Asservatenkammer liegt. Vier Studenten stolpern 1978 über eine blutige Leiche, doch Beweise fehlen, Verdächtige bleiben rätselhaft. Fast drei Jahrzehnte später stehen zwei der Verdächtigen tot da – und die Jagd nach der Wahrheit beginnt aufs Neue.
Karen Pirie ist genau der Typ Ermittlerin, der dir am liebsten einen Kaffee hinstellen und gleichzeitig mit Gründlichkeit und Empathie an die Arbeit gehen will. McDermid erzählt dabei so mitreißend und lebensecht, dass man sich problemlos mitten ins nebelverhangene St. Andrews versetzt fühlt. Nicht zu abstrakt, nicht zu dramatisch – ein echt angenehmer Mittelweg, der Lust aufs Weiterlesen macht. Die Nebenfiguren sind facettenreich, nicht einfach nur schwarz-weiß gestrickt, und man merkt, wie viel Detailarbeit in die Charakterentwicklung geflossen ist.
Ein echter Pluspunkt: Die Verwebung der Zeiten ist clever gemacht, ohne zu verwirren. Der Spannungsbogen bleibt taut, obwohl das Tempo nicht hetzt, sondern eher genussvoll voranschreitet. Klar, manchmal könnte man sich ein bisschen mehr Überraschungsmomente wünschen – ein paar Wendungen fühlen sich etwas vorhersehbar an. Und an einigen Stellen zieht sich die Story, aber wer gerne tief eintaucht und mit Karen miträtselt, wird das eher als angenehme Verschnaufpause sehen.
Für alle, die Lust auf einen gut erzählten, atmosphärisch dichten Thriller mit einer sympathischen Ermittlerin haben, die sich auch menschlich nicht versteckt, ist „Echo einer Winternacht“ genau das Richtige. McDermid bringt hier einen gelungenen Mix aus Old-School-Krimi und moderner Erzählkunst auf die Seite – spannend, nahbar und mit einer Prise schottischem Winterzauber.
Unterm Strich: 4 von 5 Sternen. Ein toller Einstieg in Karen Piries Welt, der neugierig macht auf mehr – und der definitiv Lust auf heiße Schokolade nach dem Lesen weckt.